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Ganz Paris schaut auf die «Caverne du Pont Neuf»

  • Autorenbild: Klaus Lintemeier
    Klaus Lintemeier
  • vor 12 Stunden
  • 6 Min. Lesezeit

Vom 15.  bis 28. Juni wird die älteste Brücke von Paris zu einer Höhle: Der Installationskünstler JR verwandelt die Pont Neuf in «La Caverne du Pont Neuf», und wir sehen die begehbare Grotte von oben, von der Terrasse des «Le Tout-Paris» auf der siebten Etage des Hotels Cheval Blanc. Seit dem 28. Juni gibt es die Höhle nicht mehr. Der Abbau läuft noch bis zum 13. Juli.


Wir kommen im Juni 2026 gleich zweimal. Am Sonntag gehen wir zur Brücke selbst, doch die Höhle bleibt noch geschlossen, denn ein Sturm reißt Anfang Juni die Hülle auf und verschiebt die für den 6. Juni geplante Eröffnung um einige Tage. Am Montagabend, dem 15. Juni, kommen wir zum Abendessen ins «Le Tout-Paris» zurück, und genau in dieser Stunde öffnet «La Caverne du Pont Neuf» zum ersten Mal für das Publikum. Wir sitzen draußen auf der Terrasse und genießen den Blick auf diese besondere Installation. Es fängt an zu regnen, ein Schirm wird schnell aufgespannt.


Blick vom linken Seine-Ufer auf das Hotel Cheval Blanc
Blick vom linken Seine-Ufer auf das Hotel Cheval Blanc

Dann lädt uns die Restaurantleiterin persönlich noch höher hinauf, auf «Le Toit L’Observatoire» auf der zehnten Etage. Von dort reicht der Blick über die ganze Stadt, ein vollständiger Kreis über die Dächer, ganz Paris auf einmal, das «Le Tout-Paris» im wahrsten Sinne des Wortes.


Wie fahren auf die Aussichtsplattform
Wie fahren auf die Aussichtsplattform
Bild auf die «Caverne du Pont Neuf» von der 10. Etage
Bild auf die «Caverne du Pont Neuf» von der 10. Etage

Wir gehen auch durch die Höhle selbst (Slidershow siehe unten) . Im Inneren gestaltet Thomas Bangalter, einst die eine Hälfte von Daft Punk, eine durchgehende Klangschicht, und zum ersten Mal in JRs Werk tritt ein Duft hinzu, der Geruch der Erde nach dem Regen. An diesem ersten Abend halten sich Klang und Duft noch zurück.


Abendstimmung an der Seine mit Blick auf die «Caverne du Pont Neuf»
Abendstimmung an der Seine mit Blick auf die «Caverne du Pont Neuf»
Neun Monate zuvor

Es gibt Abende in Paris, die man plant, und solche, die einfach passieren. Dieser hier ist gründlich geplant. Am 21. September 2025, einem Sonntagabend, sitzen wir ebenfalls im «Le Tout-Paris» auf der siebten Etage des Cheval Blanc. Unter uns die Seine und vor uns direkt zum Greifen nah die Pont Neuf. Die älteste Brücke von Paris, die trotz ihres Namens alles andere als neu ist. Seit 1607 steht sie da, ganz aus Kalkstein, die erste Brücke der Stadt ohne ein einziges Stück Holz und die erste Brücke in Paris mit Gehwegen.


Wir kennen das «Le Tout-Paris» seit 2022, und wir kommen immer wieder gerne. Das Bistrokonzept hat uns sofort begeistert. Wir lieben die raffinierten und köstlichen Speisen und die großartige Champagner-Karte, die sich aus der Weinkarte des Drei-Sterne-Restaurants «Plénitude» von Arnaud Donckele bedient. Wenn man aus Deutschland kommt, ist man über den engagierten und sympathischen Service mehr als erstaunt. Das Restaurant hat seinen ersten Michelin-Stern im März 2024 erhalten, was mehr als verdient ist. Der Blick von hier oben auf die Seine und Paris ist jedes Mal überwältigend.


Blick auf die Pont Neuf im September 2025
Blick auf die Pont Neuf im September 2025

Aber an diesem Abend kommen wir nicht nur wegen des Essens. Wir haben einen Plan. Wir haben einen Logenplatz. Wir warten auf das größte Kunstereignis des Jahres in Paris.


Für den nächsten Tag, den 22. September 2025, ist der Beginn einer spektakulären Kunstaktion angekündigt. Der französische Streetart-Künstler JR will die Pont Neuf in eine riesige begehbare Höhle verwandeln. Das Projekt ist eine Hommage an Christo und Jeanne-Claude, die genau vierzig Jahre zuvor, im September 1985, diese Brücke in goldschimmernden Stoff verhüllen.


Unser Wochenende ist zugleich das der «Journées européennes du patrimoine», der europäischen Tage des Kulturerbes, die 2025 dem architektonischen Erbe gewidmet sind und in Paris ein kultureller Höhepunkt des Jahres sind. Zu diesem Thema passt auch die älteste Brücke der Stadt bestens. Die Idee ist verlockend. Am Sonntagabend in Ruhe dinieren und von oben zusehen, wie die Arbeiter die Montage beenden, damit am Montag wie geplant alles starten kann. Die Leica liegt griffbereit auf dem Tisch.


Aber auf der Pont Neuf passiert nichts. Kein Gerüst. Keine Plane. Kein einziger Arbeiter. Keine Lkw mit Material. Die Brücke liegt so still und gelassen da, wie sie das seit über vierhundert Jahren tut. Spaziergänger schlendern über sie hinweg, ein Bateau Mouche gleitet darunter hindurch. Wir schauen uns an, schauen wieder hinunter, und irgendwann greift einer von uns zum Mobiltelefon.


Die Wahrheit ist so simpel wie enttäuschend. Das Projekt ist verschoben. Nicht um ein paar Tage, sondern auf den Sommer 2026. Wir haben es schlichtweg nicht mitbekommen.


Warum wurde das Projekt verschoben?

Denn ursprünglich soll JRs Installation im September 2025 beginnen, genau zum 40. Jubiläum der Christo-Verhüllung. Doch die Pont Neuf ist mehr als ein Kunstobjekt. Sie ist ein lebendiges Stück Pariser Infrastruktur, über das Autos, Busse und Fahrräder rollen, über das Fußgänger schlendern und unter dem die Schiffe auf der Seine hindurchgleiten.


Die Machbarkeitsstudien dauern länger als gedacht, die Sicherheitslogistik will durchdacht sein, die Umweltprüfungen verlangen Geduld. JR und sein Team, die Christo and Jeanne-Claude Foundation und der Stiftungsfonds «L’Amicale des Ponts de Paris» brauchen mehr Zeit für all die Genehmigungen, und so wandert das Projekt in den Sommer 2026.


Gefeiert wird das Jubiläum trotzdem. Im Oktober 2025 benennt die Stadt Paris den Platz rund um die Reiterstatue Heinrichs IV. auf der Pont Neuf offiziell in «Place du Pont-Neuf, Christo et Jeanne-Claude» um.

 

Vierzig Jahre vorher

Um zu verstehen, warum wir an jenem Abend im September 2025 so erwartungsvoll sind, muss man vierzig Jahre zurückblicken. Im September 1985 hüllen Christo und Jeanne-Claude die älteste Brücke der Stadt in goldfarbenen Stoff, vierzehn Tage lang, gehalten von dreizehn Kilometern Seil und von Stahlketten, die unsichtbar unter der Wasseroberfläche verankert sind. Drei Millionen Menschen kommen, um die fließende Skulptur über der Seine zu sehen. Wie alle ihre Projekte finanzieren die beiden das Werk allein, ohne Sponsor und ohne öffentliches Geld, und genau dieser Mut inspiriert JR.


Eine schöne Fügung. Im selben Gebäude, in dem wir an jenem legendären Sonntagabend sitzen, dem heutigen Cheval Blanc und dem ehrwürdigen Kaufhaus La Samaritaine, stellen Christo und Jeanne-Claude schon Ende 1981 ein Modell ihres Pont-Neuf-Projekts in die Schaufenster. Das Kaufhaus steht direkt neben der Brücke.



Ein Blick auf den Künstler JR

Der Mann, der die Pont Neuf nun erneut verwandelt, heißt JR. Zwei Buchstaben, die in der Kunstwelt für monumentale Fotoinstallationen stehen. JR überzieht die Bögen und Brüstungen der Pont Neuf mit riesigen Fotografien, die Kalksteinblöcke zeigen. Es sind jene Steine, die einst in den Steinbrüchen des Pariser Beckens gebrochen werden und aus denen die Brücke erbaut ist. Auf demselben Kalkstein, dem «Pierre de Paris», steht ein großer Teil der Stadt. Die Installation soll die Illusion erzeugen, dass eine natürliche Grotte die beiden Seineufer verbindet. Der echte Stein der Brücke tritt in einen Dialog mit seinem eigenen fotografischen Abbild.


Das Höhlenmotiv hat bei JR Geschichte. Es ist das Ergebnis einer jahrelangen künstlerischen Reise:


  • 2021 schafft er «La Ferita» an der Fassade des Palazzo Strozzi in Florenz, einen gewaltigen Riss im Mauerwerk, eine optische Täuschung, die den Palazzo aufzubrechen scheint.


  • Im selben Jahr folgt «Punto di Fuga» am Palazzo Farnese in Rom.

  • Im Herbst 2023 kommt Paris an die Reihe. JR verwandelt die eingerüstete Fassade des Palais Garnier in eine atemberaubende Höhle. «Retour à la Caverne» entfaltet sich in zwei Akten wie ein Opernlibretto. Im ersten Akt, im September, öffnet sich in der Fassade eine Grotte, in der die klassische Architektur mit archaischen Felsformationen verschmilzt. Im zweiten Akt, im November, verschwindet die Architektur vollständig, und die gesamte Fassade wird zur prähistorischen Höhle, bedeckt mit Hunderten von Handabdrücken, die Besucher in Workshops angefertigt haben.

  • Am 12. November 2023 erwacht die Höhle zum Leben. 153 Tänzerinnen und Tänzer klettern dreißig Meter hoch auf die Gerüste, choreographiert von Damien Jalet, mit Musik von Thomas Bangalter. Es ist einer dieser Pariser Momente, die für immer bleiben. Und genau wegen solcher Ereignisse lieben wir die Stadt so. <

  • Im Frühjahr 2024 setzt JR die Reise mit «La Nascita» an der Fassade des Mailänder Hauptbahnhofs fort.


«La Caverne du Pont Neuf» schließt diese Reise ab, von der Opernfassade zur ältesten Brücke der Stadt. JR selbst versteht sein Projekt als Reflexion über die wachsende Vereinzelung und Isolation der Menschen, die sich seit der Pandemie verschärft hat. Die Höhle als Zufluchtsort, als Ort der Gemeinschaft, als Erinnerung an Platons Gleichnis. Der Ausgang aus der Höhle als Weg zum Wissen und zum Verständnis der Welt. Es ist ein magischer Moment wie die Vorlesungen von Hans Blumenberg in Münster über Platon.


La Caverne du Pont Neuf, JR 15. bis 28. Juni 2026 Pont Neuf, Paris 1er Kostenloser Zugang ohne Reservierung, finanziert durch private Mittel jr-art.net.


Weitere Impressionen



Nachgefragt

 

Was ist «La Caverne du Pont Neuf»? Eine begehbare Illusion des Künstlers JR, der die älteste Brücke von Paris mit riesigen Fotografien von Kalkstein überzieht und sie in eine Höhle verwandelt, die beide Seineufer verbindet.


Wer ist JR? Ein französischer Streetart-Künstler, der für seine monumentalen Fotoinstallationen bekannt ist und ganze Fassaden, Brücken und Stadtlandschaften verwandelt.


Was verbindet das Projekt mit Christo und Jeanne-Claude? Es ist eine Hommage an ihre Verhüllung der Pont Neuf von 1985. Wo Christo die Brücke in Gold hüllt, verwandelt JR sie vierzig Jahre später in eine Höhle.


Wie lange ist «La Caverne du Pont Neuf» zu sehen? Nur zwei Wochen, vom 15. bis 28. Juni 2026. Ein Sturm beschädigt Anfang Juni die Hülle und verschiebt die geplante Eröffnung vom 6. auf den 15. Juni. Danach wird die Installation bis zum 13. Juli abgebaut.


Warum verwandelt JR die Brücke in eine Höhle? Das Höhlenmotiv zieht sich durch sein Werk, vom Palazzo Strozzi in Florenz über das Palais Garnier bis zum Mailänder Hauptbahnhof. JR versteht die Höhle als Zufluchtsort und als Antwort auf die wachsende Vereinzelung der Menschen, mit einem Gedanken an Platons Höhlengleichnis.

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