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Spaziergänge mit den Paris Greeters: «Komm als Besucher, geh als Freund»

  • Autorenbild: Klaus Lintemeier
    Klaus Lintemeier
  • vor 7 Stunden
  • 7 Min. Lesezeit

Paris Greeters: Woher der Name kommt

«Greeter» ist kein französisches Wort. Es kommt aus dem Englischen und bedeutet schlicht «der Begrüßende». Im Französischen heißt der Verein offiziell «Parisien d'un jour», Pariser für einen Tag. Doch der englische Zusatz «Paris Greeters» bleibt im Namen stehen, und das hat seinen Grund. Die Idee stammt nicht aus Paris, sondern aus New York, und der englische Begriff ist gewissermaßen das Markenzeichen einer weltweiten Bewegung geworden. Die Pariser, sonst eher zurückhaltend gegenüber Anglizismen, machen hier eine Ausnahme. Vermutlich liegt es daran, dass das Wort den Kern so gut trifft. Es geht um das Begrüßen von fremden Menschen.


Wer die Paris Greeters sind

Wir haben die Greeters als ungewöhnlich herzliche Menschen kennengelernt. Sie öffnen ihre Stadt für Fremde, ohne etwas dafür zu verlangen, und sie tun es mit einer Herzlichkeit, die einen vom ersten Händedruck an einnimmt. Es sind Pariserinnen und Pariser, die ihre Stadt und ihr Arrondissement lieben und Spaß dran haben, sie mit anderen zu teilen.


Was sie verbindet, ist die Bereitschaft, sich Zeit zu nehmen. Das bedeutet zwei, drei, manchmal vier Stunden, in denen wir zusammen spazieren, miteinander reden und am Ende oft in einem Café sitzen. In dieser Zeit erfahren wir viel über Paris und seine Menschen, über das Arrondissement, in dem der Greeter wohnt und das er wie seine Westentasche kennt.


Damit knüpfen die Greeters an etwas an, das Kurt Tucholsky bereits 1924 unter seinem Pseudonym Peter Panter in der Vossischen Zeitung beschreibt. Sein Text trägt den Titel «Das menschliche Paris» und beginnt mit einer Frage, die wie für die Greeters geschaffen ist:  «Worin besteht der Zauber von Paris? In der Architektur? In der silbrigen Luft? In der Mode? In den Frauen? Im Sekt? In all dem zusammen? Nein.» Was diese Stadt ausmache, schreibt Tucholsky, sei einzig und allein ihre Menschlichkeit. «Paris hat Herz», stellt er fest, und er sieht eine Stadt, in der die Menschen einander mit einer leichten Freude begegnen, mit Innigkeit, mit einer herzlichen Liebe zur Natur und den anderen.


Tucholsky erzählt von einer Szene, die er in der «Elektrischen» draußen im Südosten der Stadt beobachtet. Eine Frau mit vielen Markttaschen schenkt dem Schaffner eine Handvoll Kirschen. Niemand wundert sich, es ist die natürlichste Sache der Welt. Es ist kein Trinkgeld, sondern einfach Nettigkeit. Der Schaffner freut sich, weil die Kirschen so schön rot sind, steckt sie ein, und alle Passagiere im Wagen, schreibt Tucholsky, hätten sicherlich ebenso gehandelt wie die Frau. Die Leute, fügt er hinzu, seien nicht nur höflich, sie seien herzlich. Man frage sie um Rat, und man bekomme ihn fast immer, auch von wildfremden Menschen. Sein Fazit ist ein schöner, schlichter Satz: «Es ist eine Stadt der Menschlichkeit.»

Genau in dieser Tradition stehen für uns die Paris Greeters. Sie sind die Erben dieses menschlichen Paris.


Die Geschichte der Paris Greeters: Von New York an die Seine

Die Geschichte der Bewegung beginnt nicht in Paris, sondern in New York. Lynn Brooks gründet 1992 den Verein «Big Apple Greeter» in der Millionenstadt, mit dem Ziel, deren Image durch die ehrenamtliche und persönliche Betreuung von Touristen zu verbessern. Die Idee ist denkbar einfach. Einheimische empfangen Reisende wie Freunde, kostenlos, auf Augenhöhe, ohne festes Programm. Aus dieser einen Initiative entsteht ein weltweites Netz.


In Paris dauert es eine Weile, bis sich daraus eine eigene Struktur formt. Am 27. November 2006 wird der gemeinnützige Verein «Parisien d'un jour – Paris Greeters» gegründet. Sein Sitz befindet sich in der «Maison de la Vie Associative et Citoyenne» in der Rue Perrée im dritten Arrondissement. Heute ist Paris Teil eines weit gespannten Netzes. Die International Greeter Association mit Sitz in Brüssel zählt im Jahr 2025 in 46 Ländern an 181 Orten rund 3.660 Greeter, die in jenem Jahr fast 47.000 Gäste empfangen.



Wer die Webseite greeters.paris öffnet, dem leuchtet sofort die Einladung entgegen. «Visitez Paris avec un Parisien», steht dort, also: Besuche Paris mit einem Pariser. Darunter folgt das wunderschöne Wortspiel: «Parisien d'un jour, Parisien toujours», Pariser für einen Tag, Pariser für immer. Und schließlich das Versprechen, um das sich alles dreht: «Balades gratuites dans Paris», kostenlose Spaziergänge in Paris. Das eigentliche Motto des Vereins aber verbirgt sich im Satz: «Venez en visiteur, partez en ami.» Komm als Besucher, geh als Freund. Schöner kann man die Idee nicht zusammenfassen.


Paris Greeters buchen: So funktioniert die Anmeldung

Der Weg zu einem Spaziergang führt über die Webseite greeters.paris. Wir öffnen das Formular und tragen ein, was wir uns wünschen. Wir geben unsere Wunschtermine und Tageszeiten an, die Sprache, in der der Spaziergang stattfinden soll, ein bestimmtes Quartier oder Thema, das uns interessiert, sowie unsere persönlichen Interessen und Bemerkungen. Manchmal nennen wir kein Viertel, sondern formulieren ein Thema wie Streetart, Markt, Architektur oder Handwerk. Den Rest übernimmt der Verein.


Nach Eingang unserer Anfrage erhalten wir per E-Mail eine Anmeldebestätigung mit der Nummer unseres Spaziergangs, und sobald ein passender Greeter gefunden ist, nehmen wir direkt mit ihm Kontakt auf, per E-Mail oder Telefon. Im Bestätigungsschreiben stehen Name, kurze Vorstellung und Treffpunkt. Meist ist es eine Métro-Station, manchmal eine Bank vor einer Kirche. Pünktlich sein gehört zum guten Ton. Die Anmeldung sollte mindestens zwei Wochen vor dem Wunschtermin erfolgen, damit der Verein einen passenden Greeter finden kann. Die Gruppen bleiben klein, mit höchstens sechs Gästen pro Spaziergang, oft sind es nur zwei oder drei.



In Paris ist es jedes Mal eine persönliche Begegnung, die wir zusammen oder jeweils allein erleben. Es ist von Anfang an wie ein Spaziergang unter Bekannten, die sich gerade erst kennenlernen. Bezahlt wird nichts, denn die Greeters sind ehrenamtlich tätig und nehmen ausdrücklich keine persönlichen Trinkgelder an. Der Verein selbst freut sich allerdings über Spenden, mit denen die laufenden Kosten der Organisation gedeckt werden, und auf der Webseite gibt es dafür ein gesichertes Online-Bezahlsystem. Wir nutzen diese Möglichkeit gerne, denn ohne die kleine Vereinsstruktur im Hintergrund gäbe es all die wunderbaren Begegnungen nicht.


Wir laden unseren Greeter nach jedem Spaziergang in ein Café oder in eine kleine Brasserie ein. Bei einem Espresso, einem Glas Wein oder einer Kleinigkeit zu essen geht das Gespräch weiter, das uns zuvor durch die Straßen begleitet hat. Oft ist es genau diese Zeit am Ende eines Spaziergangs, in der die schönsten Geschichten erzählt werden, in der man Adressen austauscht, in der aus dem Spaziergang eine Bekanntschaft wird. Für uns gehört diese Einladung dazu. Sie ist unsere Art, der wunderbaren Stadt und den Greetern ein wenig zurückzugeben.


Drei Spaziergänge mit den Paris Greeters

Wir haben in den vergangenen Jahren viele Touren mit Paris Greetern gebucht, und jede einzelne bleibt im Gedächtnis:


In Montmartre führt uns eine Greeterin durch Gassen, die nur wenige Meter von den großen Touristenströmen entfernt liegen und doch wie eine andere Welt wirken. Sie zeigt uns versteckte Gärten und kleine verborgene Plätze. Vor einem unscheinbaren Haus bleiben wir stehen und studieren das Klingelschild. Dort lesen wir Namen aus der französischen Kunstgeschichte: Braque, Degas, Matisse und viele mehr. Unsere Greeterin lächelt verschmitzt und erklärt uns, was es damit auf sich hat. Genau solche Momente bleiben nach einem Spaziergang mit den Greeters in Erinnerung.



An der Grenze zwischen dem 17e und 8e führt uns eine Greeterin rund um den Parc Monceau, und mitten im Park stoßen wir auf eine versteckte Tafel. Sie erinnert daran, dass hier am 22. Oktober 1797 André-Jacques Garnerin den ersten Fallschirmabsprung aus einem Ballon wagt. Er springt rund tausend Meter in die Tiefe und landet wohlbehalten im Park. Ohne den Greeter spazieren wir an dieser Geschichte vorbei, ohne sie auch nur zu ahnen.


Im 11e wiederum führt uns die Greeterin aus Montmartre in die Hinterhöfe, die diesen Teil von Paris so besonders machen. Wir betreten Innenhöfe und entdecken dort kleine Handwerksbetriebe. Werkstätten von Möbelrestauratoren, Ateliers von Vergoldern, Schreinereien, in denen seit Generationen gearbeitet wird. In einem Hof treffen wir eine Frau, die in Ruhe ein Lammfell reinigt. Das 11e trägt diese Tradition in seinen Mauern, denn rund um den Faubourg Saint-Antoine siedelt sich seit dem Mittelalter das Pariser Möbelhandwerk an. Unser Greeter kennt die Türen, die Codes, die Namen der Handwerker, und plötzlich öffnet sich eine Stadt, die wir so vorher nicht kannten.


«Coup de cœur» für PARIS MAGIE im Greeters-Newsletter

Eine besondere Freude erleben wir an Ostern 2026. Im internen Newsletter der Paris Greeters erscheint unter der schönen Rubrik «Coup de cœur» ein begeisterter Hinweis auf unseren Blog PARIS MAGIE. Jene Greeterin, die uns bereits 2023 Montmartre und 2025 das 11e zeigte, erinnert sich an ihren Spaziergang mit einem deutschen Paar und erzählt der Vereinsgemeinschaft, dass dieses Paar einen zweisprachigen Blog über Paris betreibt. Sie lobt die Sprache, die Qualität der Fotos und die Vielfalt der Themen, von Kultur über Gastronomie und Architektur bis hin zur Musik und sogar den Pariser Katzen. Wir sind stolz auf diese Erwähnung, und wir sind es umso mehr, weil sie aus genau jenem Kreis kommt, der uns Paris in all seinen verborgenen Facetten überhaupt erst zugänglich macht. Ein schöneres Kompliment kann man sich kaum wünschen.


Warum sich ein Spaziergang mit Paris Greeters lohnt

Wer mit einem Paris Greeter durch die Stadt geht, hört Geschichten, die in keinem Reiseführer stehen. Diese Geschichten sind besonders, weil sie aus einer persönlichen Sicht erzählt werden und so eine ganz besondere Note erhalten. Genau darum geht es uns bei PARIS MAGIE, das menschliche Paris hinter den Fassaden zu zeigen, von dem auch Tucholsky schreibt. Und genau deshalb buchen wir immer wieder einen Spaziergang mit den Paris Greeters.


Nachgefragt


Was kostet ein Spaziergang mit einem Paris Greeter? Der Spaziergang ist kostenlos. Die Greeters arbeiten ehrenamtlich und nehmen keine persönlichen Trinkgelder an. Der Verein «Parisien d'un jour» freut sich über Spenden, mit denen die laufenden Kosten gedeckt werden.


Wie groß sind die Gruppen bei den Paris Greeters? Die Spaziergänge finden für höchstens sechs Personen statt. Oft sind es nur zwei oder drei Gäste, und dadurch entsteht Raum für ein wirkliches Gespräch.


In welchen Sprachen finden die Spaziergänge statt? Die Greeters sprechen unter anderem Französisch, Englisch, Deutsch, Italienisch und Spanisch. Die gewünschte Sprache gibt man bei der Anmeldung an.


Wie früh muss ich mich bei den Paris Greeters anmelden? Der Verein empfiehlt eine Anmeldung mindestens zwei Wochen im Voraus über die Webseite greeters.paris.


Sind die Paris Greeters offizielle Fremdenführer? Nein. Die Greeters sind Pariserinnen und Pariser, die ihre Stadt ehrenamtlich zeigen. Sie haben kein staatliches Diplom als «guide-conférencier», sondern teilen ihre persönliche Sicht auf ihr Quartier.

 

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