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Jardin des Rosiers-Joseph Migneret: Der versteckte Garten im Marais

  • Autorenbild: Klaus Lintemeier
    Klaus Lintemeier
  • vor 5 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

DerJardin des Rosiers-Joseph Migneret gehört zu unseren Lieblingsgärten in Paris. Er ist eine Oase inmitten des quirligen Treibens im Marais-Viertel. Der Garten ist verwinkelt. Ruhesuchende und Verliebte finden hier wundervolle Plätze. Der Zugang ist sehr versteckt und erfolgt nur über die Rue des Rosiers Nummer 10. Selbst wir müssen den Eingang jedes Mal suchen.



Links am Eingang befindet sich eine Gedenktafel für den Namensgeber des Gartens, Joseph Migneret. Er lebt von 1888 bis 1949. Migneret wird 1920 als Lehrer an die wenige Schritte entfernte Grundschule Hospitalières-Saint-Gervais in der Rue des Hospitalières-Saint-Gervais berufen, einer Schule im Herzen des jüdischen Viertels, in der die Mehrheit der Schüler jüdischen Glaubens ist. 1937 wird er zum Direktor ernannt. Für die zugewanderten Kinder, die zu Hause Jiddisch sprechen, ist die Schule das Tor zur Integration in Frankreich. Am 16. und 17. Juli 1942 werden bei der Razzia des Vélodrome d’Hiver Tausende Pariser Juden von der französischen Polizei verhaftet, darunter 165 Kinder dieser Schule. Sie werden nach Auschwitz deportiert. Kein Kind überlebt die Deportation.


Als im Oktober 1942 das neue Schuljahr beginnt, erscheinen vier Schüler. Migneret entscheidet, dass es nicht mehr seine Aufgabe ist, Französisch und Mathematik zu unterrichten, sondern Leben zu retten. Er fälscht Papiere, versteckt die junge Sarah Traube fast zwei Jahre lang in einer Wohnung, die er in der Nähe der Schule angemietet hat, und verhilft zahlreichen Familien zur Flucht in die unbesetzte Zone.


Am 28. März 1990 erkennt Yad Vashem Joseph Migneret posthum als «Gerechten unter den Völkern» an. Der Baum, der ihm zu Ehren in Jerusalem gepflanzt wird, steht in unmittelbarer Nähe des Kinderdenkmals, gegenüber dem Denkmal für Janusz Korczak. Korczak ist polnischer Kinderarzt, Kinderbuchautor und Pädagoge jüdischer Abstammung. Er geht am 5. August 1942 freiwillig mit rund 200 Waisenkindern in den Tod nach Treblinka.


An der Fassade der Schule erinnert eine Tafel: «165 enfants juifs de cette école déportés en Allemagne durant la Seconde Guerre mondiale furent exterminés dans les camps nazis. N'oubliez pas!»



Wenige Meter weiter, in der Nähe der Reste der mittelalterlichen Stadtmauer, steht eine große Gedenktafel mit den Namen deportierter Kinder. Ihre Inschrift beginnt mit den Worten: «Arrêtés par la police du gouvernement de Vichy, complice de l’occupant nazi, plus de 11 000 enfants juifs furent déportés de France de 1942 à 1944, et assassinés à Auschwitz parce qu’ils étaient nés juifs. Plus de 500 de ces enfants vivaient dans le 4ème arrondissement, parmi eux, 101 tout-petits n’ont pas eu la chance de fréquenter une école. Passant, lis leur nom, ta mémoire est leur unique sépulture.» Darunter stehen die Namen der Kinder. Unter ihnen ist Paulette Wajncwajg, 27 Tage alt.


Jedes Mal, wenn wir in den Garten gehen, bleiben wir in Stille an der Gedenktafel stehen. Tiefe Trauer erfüllt uns.


Der Garten selbst entsteht ab 2007 aus der Kombination der privaten Gärten dreier angrenzender Herrenhäuser: Hôtel de Coulanges, Hôtel Barbes und Hôtel d’Albret. 2014 wird er fertiggestellt und erhält seinen heutigen Namen. Gleich am Eingang sind die Überreste eines Turms der mittelalterlichen Stadtmauer von Philippe Auguste aus dem 13. Jahrhundert zu sehen.



Im Innern des Gartens führt ein Weg zu einem Obstgarten mit Spalierbäumen und einem bemerkenswerten Feigenbaum. Der Garten ist in mehrere Bereiche gegliedert, mit Rasenflächen, Bänken und einem Gemeinschaftsgarten. Wer mittags einen Falafel in der Rue des Rosiers kauft, findet hier den schönsten Platz, um ihn in Ruhe zu essen. An warmen Tagen lesen Pariserinnen und Pariser auf den Bänken, Kinder spielen auf dem kleinen Spielplatz, und im Gemeinschaftsgarten ziehen Anwohner Tomaten und Kräuter.



Im Hôtel de Coulanges in der Rue des Francs-Bourgeois 35-37, auf der anderen Seite des Gartens, hat im Mai 2024 der Dover Street Market Paris eröffnet, der achte Ableger des Concept Stores von Rei Kawakubo und Adrian Joffe. Im Erdgeschoss betreibt das Rose Bakery ein Café mit einer Terrasse, von der man in den Garten blicken kann. Wir empfehlen weder den Markt noch das Café, aber der Blick von der Terrasse in den Garten ist wunderschön.




Jardin des Rosiers-Joseph Migneret

10 Rue des Rosiers

75004 Paris


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