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«Le Disque Bleu»: Benjamin Biolay zwischen Chansons und Bossa Nova

  • Autorenbild: Klaus Lintemeier
    Klaus Lintemeier
  • 6. Jan.
  • 14 Min. Lesezeit

Als sich die Nadel unseres Rega-Plattenspielers auf die erste Seite von «Le Disque Bleu» senkt, weiß ich bei den ersten Tönen sofort: Dies ist eines jener seltenen Alben, die einen nicht mehr loslassen. Benjamin Biolays elftes Studioalbum, aufgenommen zwischen Paris, Sète, Brüssel, Buenos Aires und Rio de Janeiro, ist weit mehr als eine Sammlung von 24 Songs. Es ist eine Reise zwischen zwei Welten, die auf Vinyl ihre musikalische Magie entfaltet.


Le Disque Bleu auf Rega RP 10
Le Disque Bleu auf Rega RP 10
Die zwei Gesichter eines Doppelalbums

Biolay hat sein Album bewusst in zwei Teile gegliedert: «Résidents» und «Visiteurs». Diese Aufteilung spiegelt sein eigenes Leben zwischen Frankreich und Argentinien wider. Seit einigen Jahren verbringt er drei Monate pro Jahr in Argentinien, wo auch seine jüngste Tochter lebt.


Die «Résidents» sind die Daheimgebliebenen, die Verwurzelten, während die «Visiteurs» die Reisenden, die Suchenden sind. Das Album hat Biolay mit Gitarre, Stimme und Kassetten-Diktiergerät komponiert – «wie ein Barde», sagt er, «ich hatte das Gefühl, wieder siebzehn zu sein und heimlich zu komponieren».


Platte 1: Résidents

Seite A



Le penseur – Der Eröffnungssong des Albums ist Biolays Version von Rodins Denker. Ein Mann blickt auf das Meer und den Himmel, erinnert sich an einen Hafen mit Kränen – vermutlich Sète –, wo er einst mit seiner Frau, seinem Hund und seinen Töchtern «une forme de bonheur indicible» erlebte, ein unbeschreibliches Glück. Der Blick schweift zurück nach Lyon, seiner Heimatstadt, wo Rhône und Saône zusammenfließen. Melancholie über den Verfall, aber ohne Pathos. Der Refrain stellt die große Frage mit der Nonchalance eines Mannes, der eine Dunhill raucht: Falls da oben nichts sein sollte – «au cas où il y aurait rien là-haut» – dürfte ich dann mein Boot mitnehmen? Und meine Kumpel? Die Theologie wird zur Bistro-Philosophie. Das Glück liegt im Konkreten: Boot, Freunde, ein Glas Wein. Nicht in der Transzendenz.


15 octobre (feat. Nathy Cabrera) – Der Song ist eine Erinnerung an den 15. Oktober 1993, einen "jour dégueulasse" im Regen, an dem eine Frau mit leiser, aber fester Stimme sagte: "Il me faut ta peau, il me faut ton corps." Der Song sammelt Fragmente einer Liebe: Kalabrien, Ambleteuse, ein V-Pullover auf einem Stuhl, ein Madonnengesicht. Am Ende eine gesprochene Postkarte von der Rue des Anges, ein gepresstes Herbstblatt, ein Kuss. Eine Liebesarchäologie, bei der sich dreißig Jahre an einem einzigen Datum kristallisieren. Nathy Cabrera, Biolays argentinische Bassistin seit «Palermo Hollywood», singt mit dem Akzent ihrer Heimat – eine Wahl, die an Elli Medeiros erinnert, die Uruguayerin, die 1986 mit «Toi mon toit» den Chanson mit Candombe-Rhythmen verband. Zwei Frauen aus Südamerika, die französische Liebeslieder mit dem Klang ihrer Herkunft färben.


Morpheus tequila – Der Titel ist ein offener, fast provokanter Kniefall vor Serge Gainsbourgs «Histoire de Melody Nelson» (1971). Biolay selbst erklärt: «Mon idée, c'était d'embarquer Melody Nelson au Brésil» – seine Idee war es, Melody Nelson nach Brasilien mitzunehmen. Viele Kritiker haben Biolay häufig vorgehalten, er mache auf Gainsbourg. Hier antwortet er mit einem Augenzwinkern: Er tut es bewusst, übertrieben, fast parodistisch.


Soleil profond – Einer der rockigeren Momente des Albums, mit Gitarrenriffs und einer fast feierlichen Stimmung. Erst geht es um Dienen und Verschwinden: Tisch decken, der Chef hat Hunger. Dann kippt es: Tisch umschmeißen, alles kurz und klein schlagen, Kabel kappen. Der Refrain ist eine Widmung an alle, die am Rand stehen: an das schwere Herz, das an der Bushaltestelle wartet, an die Raucher, die Trinker, an die Leute in den Bahnhöfen, die von überall und nirgendwo kommen. Am Schluss greift er die Metapher der inneren Wärme auf, die tiefe Sonne als Zufluchtsort, ein warmer Ort für alle Verlorenen: Ich widme diesen Tanz allen Idioten und ihrem König – und allen Idioten wie mir: «Je dédie cette danse à tous les cons et leur roi – et au soleil profond. Je dédie cette danse à tous les cons comme moi – et au soleil profond».


Au ranch – Biolays ironisches Loblied auf die Flucht aus der Gesellschaft. Die Ranch steht für einen Rückzug – nach Sète, nach Argentinien, weg von Paris und den Menschen. Wer vor der Herde mehr Angst hat als vor Tieren, wer die Leere aushält und den Wind der Auferstehung mag, ist hier willkommen. Aber der Ton ist doppeldeutig. Die Freiheit riecht nach Stillstand: Man beeilt sich, nichts zu tun. Man isst Pfirsiche und schießt auf Bambusziele. Der Rückzug ist auch Verbannung, das Paradies auch Sackgasse. Anubis am Horizont erinnert daran, dass man dem Tod nicht entkommt, nur den Lebenden. Und am Ende die Warnung: Das Schicksal verteilt Ohrfeigen und Bleikugeln, egal wo du dich versteckst. Die Ranch ist keine Lösung, nur ein Aufschub.


Testament – Der Song ist genau das, was der Titel sagt: Biolays letzter Wille in Alexandrinern, dem klassischen französischen Versmaß. Wenn der Tau nicht mehr an der Resede perlt, soll man wissen: Er will im Sommer sterben, «mourir d'été» – nicht an Krankheit, sondern an der Fülle, am Licht. Er will kaum Spuren hinterlassen, nur eine bescheidene Aussicht, ein paar Worte an einer Hintertür. Die Melodie erinnert an die Melancholie von Charles Trenet, dem Biolay ein ganzes Album gewidmet hat – dieselbe Leichtigkeit, mit der vom Sterben gesungen wird, derselbe Sonnenschein über dem Abschied. Am Ende die Anspielung auf François Villons «Où sont les neiges d'antan»? (1461) – wenn er nicht wiederkommt, hat ihn der Schnee von gestern gerufen. Biolay reiht sich damit in eine 500 Jahre alte Tradition französischer Dichter ein, die über Vergänglichkeit schreiben.


Seite B


Juste avant de tomber – Der Song handelt vom Sterben, aber Biolay macht daraus keine Tragödie. Er kippt die Erwartungen: Statt des Lebens, das vorbeizieht, sieht er die Fee an seiner Wiege. Der Tod führt zurück zum Anfang, nicht zum Ende. Er nimmt sich selbst nicht ernst, die anderen auch nicht. Die Trauergäste sieht er schon vor sich: parfümiert, gelangweilt, mit teuren Sonnenbrillen. Er bittet darum, nach ihren Sünden beurteilt zu werden, nicht nach seinen – eine freche Umkehrung. Valentin Couineaus Arrangements tragen den Song mit einer Leichtigkeit, die zum Inhalt passt: große Gesten ohne Pathos. Am Ende sieht Biolay die schönen Dinge, die er vergessen hatte. Der Fall ist kein Absturz, sondern ein Loslassen.


Mon pays – Biolays Liebeserklärung an Frankreich – aber eine besorgte. Der Refrain «Tiens-toi sage, ô mon vieux pays» klingt wie ein Elternteil, das ein unruhiges Kind ermahnt: Benimm dich, halt durch, bevor es zu spät ist. Die Zeile «Aujourd'hui maman est presque morte» ist ein Zitat aus Albert Camus' «L'Étranger», nur mit einem entscheidenden Unterschied: Bei Camus ist die Mutter tot, bei Biolay fast. Frankreich stirbt noch nicht, aber es ist nah dran. Die Bilder sind apokalyptisch: Fieber auf dem Asphalt, Früchte, die vom Regen träumen, eine anderthalbtausendjährige Geschichte, die auf der Kippe steht. Und dann die bittere Pointe: Wir gewöhnen uns dran, wir hüllen uns in Verleugnung. Biolay klagt nicht an, er stellt fest. Ein Abschiedslied an ein Land, das er liebt und dem er beim Verfall zusieht.


Oh la guitare – Biolay vertont ein Gedicht von Louis Aragon, dem surrealistischen Dichter, den Biolay verehrt. Er leiht sich die Worte eines anderen, um über sein eigenes Instrument zu sprechen – ein doppelter Liebesbeweis. Das Gedicht handelt von der Gitarre als Gefäß für alles, was sich nicht sagen lässt. Für Biolay ist das persönlich: Die Gitarre ist sein Instrument, sein Trost, sein Werkzeug. Mit Aragons Worten sagt er, dass ohne sie nichts bleibt als Lärm.


Pauline partout, Justine nulle part – Eine der rockigeren Nummern des Albums und zugleich ein satirisches Kabinettstück. Ein Kritiker beschreibt den Song als «régal de contrepèteries avec Jacky et Michel Sardou en invités surprises» – ein Fest der Schüttelreime mit Jacky und Michel Sardou als Überraschungsgäste. Der Titel selbst ist ein bekannter politischer Slogan in Frankreich, der auf Justizaffären anspielt: «Pauline» ist überall, «Justine» (phonetisch nah an «Justice» – Gerechtigkeit) nirgends. Biolay dreht die Werte um: Tod den Schiedsrichtern, es leben die Gauner. Das ist keine Verherrlichung, sondern bittere Diagnose – wenn die Gerechtigkeit fehlt, bleibt nur noch die Anarchie. Das Wortspiel mit Michel Sardou und Michel Rocard bringt es auf den Punkt: Frankreich wird immer mehr Sardou (der konservative Chansonnier) und immer weniger Rocard (der sozialdemokratische Premierminister).


Résidents, visiteurs – Der Titelsong des Albumkonzepts, der neben «Morpheus tequila» der zweite Kniefall vor Gainsbourgs «Histoire de Melody Nelson» ist. Inhaltlich ist es ein zutiefst persönlicher Song, geschrieben im Flugzeug auf dem Weg nach Südamerika. Biolay erklärt: «C'est une chanson écrite dans l'avion, une tranche de vie, quand je suis fatigué et que je m'écroule dans un vol pour l'Amérique du Sud». In diesen Momenten denkt er an seine beiden Töchter: Anna, geboren 2003 aus der Beziehung mit Chiara Mastroianni, und Louise, die er mit der südamerikanischen Schauspielerin Sofia Wilhelmi hat und die in Argentinien lebt. Der Titel selbst fasst ein Dilemma zusammen: Wer zwischen zwei Welten lebt, ist überall zugleich Bewohner und Besucher, nirgends ganz zuhause.


Trois grammes – Der Song schließt die erste Platte «Résidents» ab – und fasst Biolay in einem einzigen Song zusammen. Es ist eine Liebeserklärung, vorgetragen von einem Betrunkenen unter dem falschen Balkon. Aber er hat drei Gramm Liebe intus – «trois grammes» heißt im Französischen stockbesoffen – drei Promille. Der Song ist Biolays Selbstporträt als Troubadour. Die erste Hälfte klingt wie Verlaine oder Baudelaire – zwei Seelen im Minenfeld der wechselseitigen Abhängigkeit. Der Song zeigt, dass die Pose des Dichters und die Wahrheit des Besoffenen bei ihm zusammenfallen. Er nimmt die große Geste ernst und macht sich gleichzeitig darüber lustig. Die Liebe ist heilig und lächerlich, die Kunst ist alles und nichts.


Platte 2: Visiteurs

Seite C



Adieu Paris – Der Song erklärt, warum Biolay Paris verlassen hat. Er nennt die Stadt ironisch «Paris-les-Bains» – ein Seebad ohne Meer. Der Regen ist monoton, der Herbst bricht ihm das Herz in Stücke. Das Paris, das er beschreibt, ist müde: alte ENA-Absolventen in Mokassins. Bänke, die niemand mehr benutzt, heiße Maronen im Nieselregen. Der Refrain ist ein Abschied: «Adieu, Paname, tu pleures trop» – Tschüss, Paris, du heulst zu viel. Biolay braucht Licht, Sète, das Mittelmeer, Buenos Aires. Am Ende fährt er ohne Mädchen auf dem Roller davon – «hasta luego», nicht «adieu». Er kommt vielleicht wieder. Aber nicht, solange es regnet.


Ne me laisse jamais sortir – Der Titel «Lass mich niemals raus» ist paradox: ein Hilferuf, der zugleich ein Wunsch ist. Im Kontext von Biolays Pendeln zwischen Orten könnte es um einen Zufluchtsort gehen – eine Beziehung, ein Haus in Sète, ein innerer Raum –, den man nicht verlassen will. Die Platzierung direkt nach «Adieu Paris» legt nahe: Nach dem Abschied von der Stadt folgt nun die Sehnsucht nach Geborgenheit. Musikalisch eine intime Ballade, getragen von Gitarre und Stimme.


Mauvais garçon – Der Song ist ungewöhnlich für Biolay: Er singt aus der Perspektive einer Frau, die in einer toxischen Beziehung feststeckt. Der schlechte Junge macht sie klein, sagt ihr, sie sei nicht schön, kontrolliert, mit wem sie tanzt und redet – aber er sagt, er liebe sie. Sie fragt sich immer wieder: Warum bleibe ich? Die musikalische Referenz an Antônio Carlos Jobim macht den Song noch beklemmender. Die sanfte Bossa Nova wiegt, während der Text von emotionaler Gewalt handelt – derselbe Kontrast, den Gainsbourg beherrschte. Die leichte Melodie ist die Falle, in der die Frau sitzt: Alles klingt harmlos, sogar schön, aber sie ist eine Marionette, und er zieht die Fäden. Am Ende findet sie die Selbstliebe wieder, die fernab seiner Arme auf sie gewartet hat. Aber der Refrain läuft weiter – «mais moi, je reste» –, als ob die Befreiung noch nicht ganz geglaubt werden kann. Biolay zeigt, wie schwer es ist, aus solchen Mustern auszubrechen, selbst wenn man es weiß. Die Erkenntnis allein reicht nicht.


Tout nu et tout mouillé – Ein Kritiker hat den Song als Erinnerung an die zarte Kunst von Françoise Hardy beschrieben, versteckt hinter einem albernen Titel («réminiscences de l'art délicat de Françoise Hardy derrière un titre pouêt-pouêt à la Carlos»). Der Sommer ist vorbei, die Gänseblümchen abgerupft, der Rasen verbrannt. Biolay träumt von einer Zeit ohne Kolonien und Autoritäten – und gibt gleich zu: Die gab es nie. Aber dann kommt die Pointe: Gott hat uns Körper gegeben, die sich wärmen können. Bleib im Bett, halt mich fest. Das ist kein Witz – das ist das einzige Paradies, das noch funktioniert. Zwei Menschen, die sich aneinander wärmen, während draußen alles austrocknet. Der kindische Titel versteckt einen der zärtlichsten Songs des Albums.


Chanson de pluie – Der Song ist das Gegenstück zu «Adieu Paris» – dort war der Regen der Grund zu gehen, hier ist er Ersatz für Tränen. Biolay hat seit Tagen, Wochen, Monaten nicht geweint, also übernimmt der Regen das für ihn: «La pluie s'en charge pour moi.» Die Kunst, ohne seine Geliebte zu leben, ist betrunken zu sein – «l'art de vivre sans toi, c'est d'être ivre». Das Schlimmste ist nicht die Abwesenheit, sondern die Angst vor dem Vergessen. Eines Tages wird er ihre Berührungen nicht mehr erinnern, den Klang ihres Lachens verlieren – und dieses Wissen zerstört ihn jetzt schon. Der Regen lacht nicht, er weint einfach weiter. Am Ende die Auflösung: Er war betrunken von ihr, «ivre de toi». Der Rausch war nicht der Alkohol, sondern sie. Jetzt, wo sie weg ist, braucht er beides – den Regen und den Wein.


Les trois amis – Eine bewegende Hommage an Hubert Mounier, den 2016 verstorbenen Sänger von L'Affaire Louis' Trio. Biolay trifft Mounier Ende der achtziger Jahre. «Hubert était mon mentor. Je lui dois tout» – Hubert war mein Mentor, ich verdanke ihm alles. Mounier vertraut dem jungen Biolay zuerst Arrangements für L'Affaire Louis' Trio an und ermutigt ihn dann, eigene Songs zu schreiben. Der Song erzählt von drei Freunden. Dann stirbt der Jüngste bei einem Motorradunfall, ein Zedernbaum wollte ihn umarmen. Die zwei Übrigen lächeln nicht mehr. Eine der Überlebenden ertränkt seinen Spleen im Alkohol und landet bald selbst im Grab. Am Ende ist nur einer übrig – mit dem stillen Schwur, die beiden Freunde wiederzusehen. Biolay besingt sich selbst als den Letzten, der noch da ist und weiß, dass auch er irgendwann nachkommt.


Seite D


Mes souvenirs – Kindheitserinnerungen aus Villefranche-sur-Saône, wo Biolay 1973 geboren wird, bevor er mit fünfzehn nach Lyon zieht, um am Conservatoire Posaune zu studieren. Er erwähnt den blauen Renault 4L seines Vaters, die Sonette von Paul Valéry und das Album «Melody Nelson» – die schönsten, die am wenigsten schlimmen Erinnerungen, wie er singt. Der Song ist ein Katalog aus Gerüchen, Bildern und Momenten: der Mischgeruch von Tabak, Plastik und Chanel No. 5 aus einer Zeitschrift im Auto. Die Explosion der Raumfähre Challenger 1986 – ein kollektives Trauma seiner Generation. Der erste Besuch in einer großen Stadt, das erste Kino, der erste Tabakladen, der die ganze Nacht offen hat. Das erste Gefühl, nicht am richtigen Ort zu sein. Der Schluss führt in die Gegenwart: zur Frau, die am Rond-Point de l'Étoile Zigaretten suchte, bevor sie – gemeint ist vermutlich Chiara Mastroianni – einen neuen Stern zur Welt brachte. Und das erste Mal, dass jemand «Papa» zu ihm sagte.


Les passantes – Biolays Version eines Klassikers. Der Text stammt nicht von Georges Brassens, sondern vom Dichter Antoine Pol. Brassens findet das Gedicht 1942 bei einem Pariser Bouquinisten und vertont es dreißig Jahre später. Biolay, der seit Jahren in Sète lebt – der Heimatstadt von Brassens –, nähert sich dem Song in einer sanft schaukelnden Version. Das Gedicht handelt von den Frauen, die man nicht geküsst hat. Die Reisegefährtin, deren Hand man nicht berührte. Die Silhouette am Fenster, die sofort verschwand. Die Vergebenen, die in grauen Stunden eine Melancholie zeigten, die man nicht heilen konnte. Antoine Pol schrieb es als junger Mann, Brassens sang es als alter – und beide wussten: Wer sein Leben verfehlt hat, denkt an diese verpassten Möglichkeiten zurück. Biolay singt das Lied mit der Erfahrung eines Mannes, der viel geliebt hat und trotzdem weiß, was Reue ist. Seine Version ist keine Kopie, sondern eine Verbeugung – vor Pol, vor Brassens, vor Sète und vor all den Frauen, die man nicht kennengelernt hat.


Ooooooo – Ein fast wortloser, instrumentaler Moment im Album. Musikalisch gehört der Song zu den sanfteren Momenten mit Latino-Akzenten, irgendwo zwischen Bossa Nova und Melancholie, mit dem typischen «balancement carioca» – dem wiegenden Carioca-Rhythmus aus Rio. Aber ganz ohne Worte ist er nicht. Es blitzen Bilder auf: die Flut, die kommt und geht, eine Braut mit Hortensien, der Mistral. Die «Ohs» sind kein Füllmaterial, sondern das, was übrigbleibt, wenn Worte nicht mehr reichen. Biolay versucht, das Meer und den Abschied in Sprache zu fassen – und gibt es irgendwann auf. Dann bleibt nur noch ein Summen.


La sieste – Ein Song über einen «Gott», der eingeschlafen ist und nicht mehr aufwacht. «T-I-E-U» macht Siesta und trotz aller SOS-Rufe und der ausgetrockneten Seen rührt er sich nicht. Biolay verpackt die Klimakatastrophe in ein Schlaflied. Das Outro ist eine Hommage an die Bossa Nova: Ein Schutzgott der brasilianischen Musik wird beschrieben – Diplomat, Schriftsteller, Whisky-Kenner, Ehemann vieler schöner Frauen. Vermutlich Vinicius de Moraes, der mit Antônio Carlos Jobim die Bossa Nova erfand. Seine Definition: «Bossa Nova ist ein Samba, der ein bisschen Jazz gehört hat, ein bisschen gereist ist.» Biolay verbindet das Ende der Welt mit dem Rhythmus, der ihn tröstet.


Kika – Oberflächlich geht es um den Tod eines Hundes, aber der Song greift tiefer. Ein kleiner Hund geht, und alles geht mit ihm – die ersten Tage am Meer, die Stimme der Tochter, die Umzüge, das Aufwachsen. Biolay singt an seine Tochter, nicht an den Hund. Sie ist mehr als sein Leben, sein Himmel und sein Boden, Tag und Nacht. Die Nacht kennt er gut – wie die Straßen, wie die Kais, an denen der kleine Hund sie groß werden sah. Er weint in Strömen, obwohl er weit weg ist. Das ist der Fluch des Pendlers zwischen den Kontinenten: Die wichtigen Momente passieren ohne ihn. Der Hund steht für eine ganze Kindheit. Mit seinem Tod endet ein Kapitel, das nicht wiederkommt. Aber was bleibt, ist die kleine Stimme, die lachend «Kika» ruft – das wird er nie vergessen. Der Song ist eine Liebeserklärung an seine Tochter und an die Zeit, die zu schnell vergeht.


Où as-tu mis l'été ? feat. Jeanne Cherhal – Der krönende Abschluss des Albums und eines von zwei Duetten (neben «15 octobre» mit Nathy Cabrera). Mit Jeanne Cherhal verbindet Biolay eine langjährige Freundschaft und musikalische Partnerschaft. Ihr erstes gemeinsames Stück war «Brandt Rhapsodie» auf dem Album «La Superbe» (2009), eine bitter-süße Chronik eines modernen Paares, erzählt in Post-its und SMS. Cherhal nennt Biolay ihren «ami de longue date». Er wiederum hat sie ermutigt, nach sechs Jahren Pause ein neues Album aufzunehmen («Jeanne», 2025), dass er auch produzierte. Die zentrale Frage des Songs: Wo hast du den Sommer hingetan, den ich dir geliehen hatte? Die Bilder sind konkret und flüchtig zugleich – ein Hotelzimmer in blauem Licht, ein Ventilator, ein Badeanzug auf einer Leiter, ein Koyote in den Mülltonnen. Die gebräunte Haut, das Salzwasser, die verwehten Geheimnisse. Liebe wird hier zur Jahreszeit, zur Erinnerung, zur Metapher für die verstrichene Zeit. Cherhals Stimme bricht den Monolog auf, ein notwendiges weibliches Gegengewicht zu dieser Suche – nach 24 Songs, in denen vor allem er spricht, antwortet endlich jemand.


Dann ein magischer Schluss: Während einer instrumentalen Passage spricht Biolay die Credits, die normalerweise nur im Booklet stehen. Er dankt «du fond du cœur» – von Herzen – all jenen, ohne die das Album nur «à moitié musical» wäre:


Jeanne Cherhal, Pierre Jaconelli, Johan Dalgaard, Philippe Entressangle, Nathy Cabrera, Marcelo Costa, Totem Mapu, David Donatien, Thierry Planelle, Alan, Marc Portheau, Tweety Gonzalez, Cosmo, Thomas Bonnin, Alex Gopher, Valentin Couineau, Pierrick Devin, Guto Wirtti, Fernando Samalea, Michel Bilmann, Philippe Almosnino, das Streichorchester und Gimena Álvarez Cela.


Dazu die Aufnahmeorte: Bruxelles, Sète, Buenos Aires, Paris-Plaisance und Rio de Janeiro. Grafik von MM Paris, Verlag Éditions du Brise Lames, administriert von Romain Chapelle, ein Virgin-Album.


Das Doppelalbum endet nicht mit einer letzten Pointe, sondern mit Dankbarkeit – Biolay macht den Abspann zur Musik. Wie großartig ist das denn!


Die klangliche Wärme des Vinyls

Auf Vinyl entfaltet «Le Disque Bleu» eine Wärme und Tiefe, die der digitalen Version fehlt. Die Bossa-Nova-Einflüsse aus Buenos Aires und Rio verschmelzen organisch mit dem französischen Chanson. Man hört die Räume, in denen aufgenommen wurde – die Intimität der Studios, die Weite der südamerikanischen Räume. Die Vinylpressung ist exzellent, der Dynamikumfang beeindruckend. Besonders in den ruhigen Passagen, wenn Biolay fast flüstert, kommt die Qualität zur Geltung.


Ein magisches Album für unsere Zeit

«Le Disque Bleu» ist auch ein politisches Album, ohne plakativ zu sein. Biolay verarbeitet seine Enttäuschung über Frankreich – «Tout part en lambeaux et ça m'attriste. Je reste malgré tout optimiste mais il faudra de la patience pour retrouver la bonne humeur» – alles zerfällt, das macht mich traurig, aber ich bleibe optimistisch. Sein Vergleich: In Brasilien mussten sie sechs Jahre unter Bolsonaro durchhalten, bevor sie wieder hoffen konnten.


Vor fünfundzwanzig Jahren schreibt Biolay «Jardin d'hiver» für Henri Salvador – ein Comeback-Song, der Salvador wieder auf die Beine bringt. Auf «Le Disque Bleu» beweist Biolay nun selbst, dass er Chanson, Bossa Nova, Samba wie kein anderer verbinden kann.


Die Tournee: Zwei Konzepte, zwei Erlebnisse

Biolay kehrt mit einer zweiteiligen Tournee auf die Bühne zurück, die das Album widerspiegelt. Die erste Phase, «Visiteurs», ist akustisch mit sechs Musikern auf der Bühne, in Theatern und kleinen Sälen – darunter drei Abende im Théâtre Marigny in Paris Ende 2025 und eine große Show im Grand Rex am 9. März 2026.




Die zweite Phase, «Résidents», ist elektrisch und tanzbar, im Zénith Paris im Parc de la Villette und großen Hallen ab Herbst 2026.



Was mich besonders begeistert: Biolay hat keine Angst vor großen Gefühlen, versteckt sie aber hinter cleveren Texten und komplexen Arrangements. Er schafft es, gleichzeitig intellektuell und emotional zu sein, französisch und international, melancholisch und hoffnungsvoll.

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