«Bonne rentrée»: Paris kehrt aus der Sommerfrische zurück
- Ruth Lintemeier

- vor 19 Stunden
- 2 Min. Lesezeit
Ende August verändert sich die Atmosphäre in Paris. Es ist sommerlich heiß. Die Straßen sind noch leergefegt. Seit Wochen hängen an den Ladentüren vieler Boutiquen, Restaurants und Konditoreien die Zettel mit «fermeture annuelle».

Aber die Ruhe löst sich langsam auf. In den letzten Augusttagen kommen die «aoûtiens» zurück. So heißen die Franzosen, die im August verreisen, im Unterschied zu den «juillettistes», die den Juli vorziehen.
Dass die Franzosen im August zahlreich in die Sommerfrische fahren und die Zeit am Meer mit ihren Familien und Freunden verbringen, entdecken wir vor 30 Jahren. Auf unserer Hochzeitsreise quer durch Frankreich folgen wir der Küste von Juan-le-Pins bis La Grande-Motte. Noch heute haben wir die sehr unterschiedlichen Bilder der Strandgesellschaften vor Augen: Hier die mondänen und diskreten Kleingruppen in eleganter Badekleidung mit großen Hüten und Pareos aus Seide, da die bunten und kinderreichen Großfamilien im Sand mit kleinen Sonnenschirmen und großen Picknickkörben.
Mit den Urlaubern kommt ein Gruß in jede Stadt zurück, der in Frankreich zum festen Ritual des Septembers gehört. Er heißt «Bonne rentrée». Der Gruß gibt das Startzeichen für die Monate bis Weihnachten und sagt zweierlei. Es geht wieder los, und viel Glück dabei.
«Bonne rentrée» wünscht eine gute Rückkehr in den Alltag. Das Wort «rentrée» bezeichnet in Frankreich den Neubeginn nach den Sommerferien. Die Kinder gehen wieder zur Schule, die Büros und Geschäfte füllen sich, die Theater eröffnen ihre Spielzeit, die Verlage bringen ihre Romane heraus. Für jeden Bereich gibt es ein eigenes Wort, die «rentrée scolaire», die «rentrée théâtrale» oder die «rentrée littéraire».
Der September hat in Frankreich den Rang eines zweiten Jahresbeginns. Die Franzosen wünschen sich den ganzen Januar über «Bonne année» und im September «Bonne rentrée». Zu diesem Anlass gibt es sogar spezielle Grußkarten, Sonderangebote und Aktionen.
Am 31. August sind die Lehrer wieder in den Schulen, am 1. September folgen die Schüler. In Frankreich kehren 11,6 Millionen Schülerinnen und Schüler in die Klassen zurück, 851.000 Lehrerinnen und Lehrer erwarten sie. Nur auf Korsika beginnt der Unterricht zwei Tage später.
Die Verlage sind schneller. Seit dem 19. August liegen die ersten Romane der «rentrée littéraire» in den Buchhandlungen. Bis Ende Oktober erscheinen nach Zählung von «Livres Hebdo» 461 Romane.
Am 2. September stellt die Académie Goncourt ihre erste Auswahlliste vor, einen Tag nach dem ersten Schultag. Die Rentrée der Kinder und die Rentrée der Literatur beginnen in derselben Woche. Die Entscheidung über den Prix Goncourt fällt am 3. November im Restaurant Drouant an der Place Gaillon im zweiten Arrondissement, wo die Académie seit 1914 zusammenkommt. Einen Tag später folgt der Prix Femina im Musée Carnavalet.
Eine Autorin gehört zur Rentrée wie der Gruß selbst. Die belgische Autorin Amélie Nothomb veröffentlicht seit mehr als 30 Jahren zu jedem Herbst einen Roman. In diesem Jahr heißt er «L’adolescence du perroquet». Schon in der Woche des Verkaufsstarts steht er auf Platz zwei der Bestsellerliste.




Kommentare