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Bouches de lavage: Wenn Paris seine Straßen wäscht

  • Autorenbild: Ruth Lintemeier
    Ruth Lintemeier
  • vor 11 Stunden
  • 8 Min. Lesezeit

Es ist kurz nach sechs Uhr morgens. Paris gehört noch den Frühaufstehern. In den Seitenstraßen riecht es nach der kühlen Feuchtigkeit der Nacht. Dann hören wir es: ein gleichmäßiges Rauschen, das sich von der Bordsteinkante her ausbreitet. Wasser strömt in den Rinnstein, erst ein dünner Film, dann ein kräftiger Schwall, der Zigarettenstummel, Blätter und den Staub des Vortags mit sich nimmt. Ein Mann in gelb-grüner Uniform steht wenige Meter weiter, er hält einen schweren Schlüssel in der Hand. Gerade hat er eine der genialsten Einrichtungen der Stadt geöffnet: eine «bouche de lavage», einen Waschmund.


Ein «éboueur» spritzt mit dem Schlauch die Straße ab
Ein «éboueur» spritzt mit dem Schlauch die Straße ab

Es gibt Momente in Paris, die wie beiläufig passieren, die aber eine Geschichte erzählen, die mehr als 160 Jahre zurückreicht. Die «bouches de lavage» sind ein solcher Moment. Sie sind keine Hydranten. Sie sind winzige Öffnungen im Bordstein, kaum größer als eine Handfläche und mit einem Messingschloss versehen. Sie sind Teil eines faszinierenden Systems, das es in dieser Form nirgendwo sonst auf der Welt gibt.


Zwei Netze unter dem Pflaster

Was die wenigsten wissen: Unter dem Pflaster von Paris verlaufen nicht eines, sondern zwei vollständig getrennte Wassernetze. Das eine führt Trinkwasser, «eau potable», das aus den Wasserhähnen der Pariser fließt. Das andere, 1.700 Kilometer lang, führt Wasser, das nicht zum Trinken bestimmt ist — «eau non potable», Brauchwasser, das ausschließlich für die Reinigung der Straßen, die Bewässerung von Parks und Grünanlagen, die Speisung der Seen in den Bois de Boulogne und de Vincennes sowie die Spülung der Kanalisation verwendet wird.


Dieses Doppelsystem ist ein außergewöhnliches Erbe, das Europa so kein zweites Mal kennt. 1.700 Kilometer unterirdische Leitungen. Beide Netze verlaufen nebeneinander in den berühmten begehbaren Abwasserkanälen der Stadt, aufgehängt an den Gewölbedecken der Galerien; gusseiserne Rohre, von denen manche noch aus dem 19. Jahrhundert stammen.


Querschnitt durch eine Pariser Straße aus dem 19. Jahrhundert mit den parallelen Leitungsnetzen
Querschnitt durch eine Pariser Straße aus dem 19. Jahrhundert mit den parallelen Leitungsnetzen

Das Musée des Égouts de Paris https://musee-egouts.paris.fr nahe der Pont de l'Alma im 7. Arrondissement macht einen Teil der Kanalisation zugänglich. Dabei sind die beiden parallelen Leitungsstränge zu erkennen. Das Museum liegt an der Esplanade Habib Bourguiba und bietet einen rund 500 Meter langen Rundgang durch echte, noch in Betrieb befindliche Galerien an. Auf dem Weg erklären Schautafeln und historische Geräte die Funktionsweise des Netzes, das neben Abwasser auch Trinkwasserleitungen, Brauchwasserleitungen, Stromkabel und Glasfaser führt. Täglich fließen rund 200.000 Kubikmeter Brauchwasser durch das Netz der nicht trinkbaren Wasserversorgung. Schon Victor Hugo hat in «Les Misérables» die Faszination für dieses Paralleluniversum unter den Pflastersteinen beschrieben. Unter der Erde herrschen konstant rund 13 Grad, eine leichte Jacke ist daher empfehlenswert.


In den begehbaren Galerien des Musée des Égouts de Paris
In den begehbaren Galerien des Musée des Égouts de Paris

Eugène Belgrand, der Erneuerer der Kanalisation

Hinter dem Doppelsystem steht ein Name, der weit weniger bekannt ist als der seines Vorgesetzten: Eugène Belgrand. Während Baron Haussmann als der große Modernisierer von Paris in die Geschichte eingeht, arbeitet sein Ingenieur Eugène Belgrand im Untergrund an einer nicht minder radikalen Umgestaltung.


Belgrand, am 23. April 1810 in Ervy-le-Châtel geboren, ist Ingenieur des Corps des Ponts et Chaussées und hat sich durch hydrologische Studien im Becken der oberen Seine einen Namen gemacht. Haussmann holt ihn 1853 nach Paris und macht ihn 1854 zum Direktor des «Service des Eaux» der Stadt. Die Aufgabe, die vor ihm liegt, ist gewaltig: Paris leidet unter einer katastrophalen Wasserversorgung. Die Pariser trinken Seinewasser — dasselbe Wasser, in das die Abwässer der Stadt eingeleitet werden. Cholera-Epidemien sind die Folge. Die Sterblichkeitsrate ist erschreckend hoch.


Belgrand entwickelt einen Plan von beeindruckender Klarheit. Er schafft zwei vollständig getrennte Wassersysteme: ein Netz für sauberes Trinkwasser, das aus Quellen weit außerhalb der Stadt herangeführt werden soll, und ein zweites Netz für Brauchwasser, das aus der Seine und dem Canal de l'Ourcq gespeist wird und für die Straßenreinigung, die Kanalspülung und die öffentlichen Brunnen bestimmt ist.


Um das Trinkwasser zu sichern, lässt er Aquädukte bauen: den Aqueduc de la Dhuis, 131 Kilometer lang, und den Aqueduc de la Vanne, der Quellwasser über 156 Kilometer nach Paris leitet. Gleichzeitig schafft er die großen Reservoirs: Montsouris, Ménilmontant, Belleville.


Für das Brauchwassernetz nutzt Belgrand eine pragmatische, aber zugleich visionäre Lösung: Er verwendet das bereits bestehende alte Leitungsnetz, das zuvor der allgemeinen Wasserversorgung gedient hat, und widmet es um. Ab 1860 werden in den neu gebauten begehbaren Abwasserkanälen die beiden Leitungsnetze parallel verlegt — Trinkwasser und Brauchwasser Seite an Seite, aber strikt getrennt. Zwischen 1852 und 1870 wächst die Gesamtlänge des Pariser Wassernetzes um rund 840 Kilometer. Im selben Zeitraum wächst das Kanalnetz von rund 142 auf über 560 Kilometer.


Was Belgrand besonders auszeichnet: Er konstruiert die Abwasserkanäle so groß, dass Arbeiter sie begehen können. Dieses System erleichtert noch heute die Wartung und Reparatur der Leitungen erheblich und ist in dieser Form weltweit einzigartig. Die begehbaren Galerien sind ein ingenieurtechnisches Meisterwerk.


Belgrand stirbt am 8. April 1878 in Paris, wenige Jahre nach Abschluss seiner größten Projekte. Sein Name steht auf keinem der großen Boulevards, nur auf einer stillen Straße im 20. Arrondissement. Aber jedes Mal, wenn morgens das Wasser in den Rinnsteinen von Paris sprudelt, ist es sein Erbe, das dort fließt.


Drei Pumpwerke, sieben Reservoirs und ein Wasserturm

Das Wasser, das aus den «bouches de lavage» in die Rinnsteine fließt, hat einen langen Weg hinter sich. Es wird aus zwei Quellen gewonnen: aus der Seine und aus dem Canal de l'Ourcq. Ursprünglich bereiten drei Pumpwerke, die «usines», das Wasser auf. Heute sind noch zwei davon in Betrieb. Das Wasser wird durch Rechen und Siebe geleitet, ein einfacher mechanischer Prozess namens «dégrillage» und «tamisage».


Die drei Pumpwerke befinden sich an strategischen Punkten der Stadt:


  1. Die «Usine de la Villette» im 19. Arrondissement pumpt Wasser aus dem Canal de l'Ourcq, jenem Kanal, den Napoléon Bonaparte bereits 1802 in Auftrag gegeben hat und der 1822 fertiggestellt wird. Der Kanal ist ursprünglich dafür gedacht, die Wasserversorgung der Stadt zu verbessern. Noch heute erfüllt er genau diesen Zweck. Das Bassin de la Villette, in das der Kanal mündet, liegt nur wenige hundert Meter von der Philharmonie entfernt. Wer dort spazieren geht, ahnt nicht, dass unter seinen Füßen eine gewaltige Pumpstation arbeitet.

  2. Die «Usine d'Austerlitz» im 13. Arrondissement liegt unterirdisch an der Rue Paul Klee. Sie entnimmt Wasser sowohl aus der Seine als auch aus dem Bassin de la Villette und ist mit ihren sechs großen Seinepumpen und acht Villette-Pumpen die leistungsstärkste der drei Anlagen. Ihre Tagesproduktion schwankt zwischen 50.000 und 75.000 Kubikmetern.

  3. Die «Usine d'Auteuil» im 16. Arrondissement an der Avenue de Versailles hat die längste Geschichte der drei Standorte. Bereits 1828 wird hier eine Dampfpumpe installiert, eine «pompe à feu», um Wasser für die damals noch selbstständigen Gemeinden Auteuil und Passy zu fördern. Als Belgrand im Second Empire das Wasser der alten Pumpe von Chaillot für nicht trinkbar erklärt, wird die Pumpe von Auteuil zur wichtigsten Quelle für das Brauchwassernetz der westlichen Stadtteile. Im Rahmen des ersten Schéma directeur 2015–2020 wird die Usine d'Auteuil als Produktionsstätte für das Brauchwassernetz aufgegeben. Die Wasserentnahme erfolgt seitdem nur noch an der Seine bei Austerlitz und aus dem Canal de l'Ourcq bei La Villette. Die alte Pumpstation beherbergt den «Pavillon de l'Eau» von Eau de Paris, ein Museum über die Wasserversorgung der Stadt mit einer Dauerausstellung über Belgrands Lebenswerk. Seit Ende 2023 ist der Pavillon de l'Eau allerdings geschlossen und wird als «Maison de l'Europe» genutzt.


Von den drei Werken wird das Wasser in acht Speicher geleitet: sieben Reservoirs und den Wasserturm auf dem Montmartre. Die Gesamtkapazität beträgt rund 152.000 Kubikmeter. Die Reservoirs verteilen sich über die Stadt: in Charonne im 20. Arrondissement, in Passy im 16. und in Villejuif südlich der Stadtgrenze. Der Wasserturm und das Reservoir auf dem Montmartre im 18. Arrondissement sowie die Reservoirs in Belleville und Ménilmontant speichern sowohl Trink- als auch Brauchwasser. Täglich werden im Durchschnitt rund 200.000 Kubikmeter nicht trinkbares Wasser produziert.


Ein besonders elegantes Detail: Die gestufte Anordnung der Speicher auf verschiedenen Höhenlagen nutzt die natürliche Topografie von Paris. Montmartre liegt auf rund 130 Metern, Belleville auf rund 128 Metern. Das Wasser fließt von dort durch natürliches Gefälle zu den tiefer gelegenen Verbrauchsstellen. Belgrand hat das so geplant. Das System arbeitet nach dem gleichen Prinzip wie die römischen Aquädukte: Die Schwerkraft ist der Motor.


13.000 bouches de lavage und ein Schlüssel

Laut Eau de Paris gibt es 13.000 «bouches de lavage» in Paris. Jeder dieser 13.000 Waschmünder hat ein Messingschloss. Und zu jedem Schloss gibt es einen Schlüssel. Diesen Schlüssel tragen die Mitarbeitenden der «Direction de la Propreté et de l'Eau» bei sich, kurz DPE. Es sind die gelb-grün Uniformierten, die man in den Straßen sieht, oft mit Besen, Kehrmaschinen und Hochdruckreinigern.


Ein geöffneter Waschmund
Ein geöffneter Waschmund

Rund 6.900 Beschäftigte sorgen für die Sauberkeit von Paris, darunter etwa 5.000 «éboueurs», das französische Wort für Straßenreiniger und Müllwerker, abgeleitet von «ébouage», dem Entfernen von Unrat. Sie sind morgens ab sechs Uhr unterwegs, manche bereits früher. Vor den Schulen wird morgens gefegt, in den Ausgehvierteln abends, rund um die touristischen Hotspots den ganzen Tag.


Die Arbeitsweise folgt einer festgelegten Route. Der «éboueur» öffnet auf seiner Tour die «bouches de lavage» nacheinander, das Wasser fließt in den Rinnstein und nimmt den Schmutz zum tiefer gelegenen Gully mit.


Das Wasser aus der «bouche de lavage» fließt durch den «caniveau» bergab zum nächsten Gully
Das Wasser aus der «bouche de lavage» fließt durch den «caniveau» bergab zum nächsten Gully

Paris ist in Sektoren eingeteilt, jeder Sektor in «cantons», und jeder «canton» hat einen zuständigen Agenten, der seine Straßen kennt wie seine Westentasche. Es ist ein Rhythmus, der sich jeden Morgen wiederholt. Häufig arbeiten die «éboueurs» zusätzlich mit Hochdruckreinigern, mit denen sie die Gehwege abspritzen und den Schmutz in die geöffneten Rinnsteine spülen. Auf diese Weise werden Trottoir und Caniveau in einem Arbeitsgang gereinigt.


Der Begriff «canton» hat nichts mit der administrativen Gliederung der Stadt zu tun. Paris besteht aus 20 Arrondissements und 80 Quartiers. Ein «canton» der Straßenreinigung dagegen bezeichnet schlicht den Abschnitt, für den ein einzelner Agent verantwortlich ist, in der Regel ein paar Straßenzüge, die etwa drei Stunden Kehrarbeit umfassen. Weitere Informationen dazu finden sich unter https://mairie18.paris.fr/pages/nettoiement-et-proprete-des-rues-12257.


Wer genauer hinschaut, bemerkt noch etwas: Die Rinnsteine in Paris haben ein Gefälle. Nicht zufällig, sondern exakt berechnet. Das Wasser aus den «bouches de lavage» fließt immer bergab, von einer Straßenseite zur nächsten Senke, wo ein Gully es auffängt und in die Kanalisation leitet. Diese Rinnsteine — «caniveaux» — sind selbst ein Stück Infrastruktur. Ihr Profil, ihre Neigung, ihre Breite: alles ist durchdacht. Es gibt sogar Straßenreiniger, die mit einem Lappen oder einem Bündel alter Stoffe eine Art kleinen Damm im Rinnstein bauen, um das Wasser gezielt zu stauen und in eine bestimmte Richtung zu lenken.


Ein Kanalisationssystem, das Zukunft hat

Was uns an diesem System besonders beeindruckt: Es ist nicht nur historisches Erbe, sondern auch ökologisch bemerkenswert zeitgemäß. Während andere Großstädte ihre Straßen mit aufwendig aufbereitetem Trinkwasser reinigen, verwendet Paris Wasser, das lediglich mechanisch gefiltert wurde. Die Verteilung erfolgt allein durch die Schwerkraft.


Die Stadt Paris hat 2022 einen neuen «Schéma directeur» für das Brauchwassernetz verabschiedet und investiert 36 Millionen Euro in seine Modernisierung bis 2034. Es geht um die Erneuerung von Leitungen, die Sanierung der Pumpwerke und um neue Nutzungsmöglichkeiten: Das Brauchwassernetz könnte künftig eine noch größere Rolle bei der Kühlung der Stadt im Sommer spielen und zusätzliche Parks und Grünflächen bewässern. In einer Stadt, in der die Sommer immer heißer werden und die Trockenperioden länger, ist ein 1.700 Kilometer langes Netz, das ohne Trinkwasser auskommt, ein Schatz. Ein Beitrag zur Anpassung an den Klimawandel, den Belgrand vor 160 Jahren nicht vorhersehen konnte, für den er aber die Infrastruktur geschaffen hat.


Wir erfreuen uns jeden Morgen wieder aufs Neue, wie der Schmutz der Straßen einfach weggespült wird.


Tipp

Wer das Thema vertiefen möchte, dem sei die ZDFinfo-Dokumentation «Geheimes Paris – Unterirdische Megabauten» empfohlen. Die zweite Folge der Reihe erzählt, wie Eugène Belgrand im 19. Jahrhundert das Pariser Kanalnetz von Grund auf neu entwarf. Die Cholera hat die Stadt in eine tödliche Krise gestürzt, und andere Metropolen wie London suchen zur selben Zeit nach Lösungen für dasselbe Problem. Belgrand entwickelt einen eigenständigen Ansatz: Seine Kanäle sollen mindestens 1,80 Meter hoch sein, damit Arbeiter sie von innen begehen, warten und reparieren können. Diese Entscheidung macht das Pariser Kanalnetz zu einem weltweit einzigartigen System. Die Dokumentation wird von der französischen Produktionsfirma Icon Productions unter der Regie von José Fosse produziert und ist regelmäßig in der ZDF-Mediathek verfügbar.



Nachgefragt


Was sind «bouches de lavage»? «Bouches de lavage» sind 13.000 kleine Öffnungen im Pariser Bordstein, die über ein Messingschloss gesichert sind. Aus ihnen fließt morgens Brauchwasser in die Rinnsteine und nimmt den Straßenschmutz mit.


Warum hat Paris zwei getrennte Wassernetze? Eugène Belgrand baut ab 1854 unter Haussmann zwei parallele Leitungssysteme: eines für Trinkwasser, eines für 1.700 Kilometer Brauchwasser. So bleibt sauberes Quellwasser den Haushalten vorbehalten, während Seine- und Ourcq-Wasser die Straßen reinigt.


Wer war Eugène Belgrand? Eugène Belgrand, 1810 in Ervy-le-Châtel geboren, ist der Ingenieur hinter dem Pariser Wassersystem. Er legt begehbare Kanäle, Aquädukte und sieben Reservoirs an und löst damit die Cholera-Krise der Stadt.


Wo lässt sich die Pariser Kanalisation besichtigen? Das Musée des Égouts de Paris an der Esplanade Habib Bourguiba im 7. Arrondissement öffnet rund 500 Meter echter Galerien für Besucher. Unter der Erde herrschen 13 Grad, eine leichte Jacke ist ratsam.

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