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Der letzte Spaziergang des Ödön von Horváth

Autorenbild: Klaus Lintemeier
Klaus Lintemeier
29. Dez. 2024
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 1 Tag

Persönliche Vorbemerkung:

Wenn ich an mein Studium in Münster und Tours zurückdenke, leuchten mir sofort die Werke Ödön von Horváths entgegen. Besonders lebhaft erinnere ich mich an meinen Professor, dessen Augen förmlich strahlten, sobald er über Horváth sprach. Seine Begeisterung war ansteckend – ich tauchte in die Sprachwelt der «Geschichten aus dem Wiener Wald» und «Kasimir und Karoline» ein. Doch es war vor allem der Roman «Jugend ohne Gott» (« Jeunesse sans Dieu »), der mich in seinen Bann zog und nicht mehr losließ. Umso erschütternder ist für mich bis heute Horváths tragisches Ende: Mit nur 36 Jahren wurde sein Leben am 1. Juni 1938 in Paris jäh ausgelöscht, als ein herabstürzender Ast ihn auf den Champs-Élysées traf. Ausgerechnet das Exil, das ihm Schutz vor dem Nazi-Regime bieten sollte, wurde zu seiner Todesfalle – ein bitteres Schicksal. Die Gedächtnistafel für Ödön von Horváth am Théâtre Marigny löst bei mir stets tiefe traurige Gedanken aus. In nur 200 Metern Entfernung bietet die Duc de Morny Library im Hotel La Réserve Paris einen würdevollen Rückzugsort. Der japanische Sencha De Mai Grüntee entfaltet dort seine beruhigende Wirkung.


Paris, 1. Juni 1938. Die Stadt liegt unter drückender Schwüle, zeitweise fällt Regen. Im Hôtel de l'Univers in der Rue Monsieur-le-Prince 63 hatte Ödön von Horváth bis zum Morgengrauen mit Carl Frucht und Hertha Pauli zusammengesessen. Sie hatten über sein Romanprojekt «Adieu, Europa!» diskutiert und über eine notwendige Abrechnung mit den Deutschen nach einem Sieg über Hitler.


Noch am Vortag war Horváth euphorisch gewesen. Bei einem Treffen mit Ernst Josef Aufricht auf dem Montmartre hatte dieser ihm Welterfolge für seine seit 1933 unveröffentlichten Stücke prophezeit. «Paris bringt mir Glück», hatte Horváth seinen Freunden zugeprostet und beschlossen, seinen ursprünglich nur für fünf Tage geplanten Aufenthalt zu verlängern.


Gegen Mittag trifft er sich wie verabredet mit dem Regisseur Robert Siodmak und dessen Frau auf den Champs-Élysées im Café Marignan. Sie besprechen die mögliche Verfilmung seines Romans «Jugend ohne Gott». Angesichts des aufziehenden Gewitters bietet Frau Siodmak Horváth an, ihn mit dem Wagen zu seinem Hotel zu bringen. Doch Horváth, dem der Gedanke an eine Autofahrt Unbehagen bereitet, zieht den Fußweg vor.


Eine merkwürdige Prophezeiung hatte ihn nach Paris geführt. In Amsterdam war er wenige Tage zuvor einem Hellseher begegnet, der beim Anblick Horváths in Trance verfallen war und immer wieder beschworen hatte: «Sie müssen nach Paris. Sie müssen unbedingt nach Paris, und zwar sofort. Es erwartet Sie dort das entscheidende Ereignis Ihres Lebens.» Horváth, der eine Vorliebe für das Okkulte und Unheimliche hatte, war diesem Ruf gefolgt.

Gegen 19:00 Uhr überquert er am Rond-Point, gegenüber dem Théâtre Marigny, die Straße. Der Straßenkehrer Maurice Gozard wird später zu Protokoll geben, dass ihm der hochgewachsene, etwas untersetzte Monsieur in einer Gruppe von sieben weiteren Passanten aufgefallen sei. Als plötzlich ein Unwetter aufzieht, flüchtet Gozard ins Foyer des Théâtre Marigny. Von dort hört er einen Schrei. Eine von einem heftigen Windstoß entwurzelte morsche Ulme [oder Kastanie] stürzt auf eben jenen Monsieur und zerschmettert seinen Hinterkopf. Die anderen Passanten können gerade noch zur Seite springen.


Der Baum liegt quer über Horváths Rücken, Blut sickert durch seinen leichten Regenmantel. Während Umstehende behaupten, er sei sofort tot gewesen, wird Gozard später amtlich bezeugen, dass Horváth erst gegen 19:30 Uhr im Hôpital Marmottan in der Rue d'Armaillé 19 verstorben sei. Das Protokoll trägt auch die Unterschrift von Jules Henri Leclerc, Beigeordneter des Bürgermeisters für den XVII. Bezirk von Paris und Ritter der Ehrenlegion.


Im Bistro warten unterdessen Hertha Pauli und Carl Frucht vergeblich. «Es wurde spät. War Ödön nur unpünktlich oder hatte er vergessen?», notiert Pauli später. Die Nachricht von seinem Tod erreicht sie erst am nächsten Morgen durch eine Meldung in der Morgenausgabe der Tageszeitung «Le Figaro»: «Ein Sturm, der gestern Abend über Paris niederging, verursachte mehrere Unglücksfälle. In den Champs-Élysées warf er eine Platane um. Sieben Personen, die unter ihr waren, konnten sich retten, bis auf einen Ungarn, den sie erschlug.»


Die Beisetzung findet am 7. Juni 1938 auf dem Friedhof Saint-Ouen statt, am äußersten Ende des Geländes, nahe einem Rangierbahnhof. Ein Leichenbestatter mit Holzbein, der sich später als Betrüger herausstellt, organisiert die Zeremonie. Manfred George spricht für den Schutzverband Deutscher Schriftsteller, Jacques Maritain vertritt die französischen Kollegen.


Ein langer Kondukt von Taxis begleitet den Sarg zum Friedhof, vorbei am Pariser Trödelmarkt und an der Stelle des tödlichen Unfalls. Unter den Trauergästen sind die aus Wien angereisten Eltern, sein Bruder Lajos aus Zürich, sowie zahlreiche Exilautoren: Hermann Kesten, Erwin Piscator, Joseph Roth (der fast genau ein Jahr später in Paris sterben wird), Franz Werfel und Carl Zuckmayer. Am Grab, das nur durch einen Hintereingang erreicht werden kann, da am Hauptportal Bauarbeiten stattfinden, sprechen Carl Zuckmayer, Walter Mehring und der französische Übersetzer Armand Pierhal, mit dem Horváth noch für den 2. Juni verabredet gewesen war. Ein eigens aus Budapest angereister ungarischer Priester streut «Erde aus Ungarn» ins Grab. Während es unablässig regnet, dringen die Signale der Rangierlokomotiven von den Bahngleisen herüber.


Fünfzig Jahre später, 1988, werden Horváths sterbliche Überreste – einige Knochensplitter, die Schädeldecke und ein großer Oberschenkelknochen – in einem Kindersarg nach Wien überführt. In einem Ehrengrab auf dem Heiligenstädter Friedhof findet der Dramatiker seine letzte Ruhe. Der Wiener Bürgermeister spricht die versöhnlichen Worte: «Ödön von Horváth ist endlich zu Hause.»

Eine Marmorplatte an der Fassade des Théâtre Marigny erinnert heute an jenen verhängnisvollen Juniabend, als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dramatiker seiner Zeit auf so absurde Weise vom Tod ereilt wurde – ein Ende, das in seiner schicksalhaften Ironie einem seiner eigenen Theaterstücke hätte entstammen können.

Gedächtnisplakette am Théâtre Marigny (Foto: Klaus Lintemeier)
Gedächtnisplakette am Théâtre Marigny (Foto: Klaus Lintemeier)

Nach seinem Tod findet man in seiner Manteltasche ein Gedicht, das vermutlich auf einer leeren Zigarettenschachtel steht:


Und die Leute werden sagen In fernen blauen Tagen Wird es einmal recht Was falsch ist und was echt Was falsch ist, wird verkommen / Obwohl es heut regiert Was echt ist, das soll kommen / Obwohl es heut krepiert.

Diese Verse aus dem Jahr 1938, das letzte überlieferte Gedicht von Ödön von Horváth, stehen in französischer Übersetzung auf der Gedenktafel am «Théâtre Marigny».


Et les gens vont dire

Que dans un lointain avenir

On saura discerner

Le faux et le vrai


Que le faux disparaîtra

Alors qu'il est au pouvoir,

Que le vrai adviendra

Alors qu'il est au mouroir.

(1938)


Odon von Horvath, dramaturge et écrivain de langue allemande, né en 1901, mort le premier juin 1938 face au théâtre Marigny tué par une branche de marronnier arrachée par la tempête. Hommage de son éditeur Thomas Sessler Verlag, Vienne, le 3 juin 1998



Literatur


Hildebrandt, Dieter (1975): Ödön von Horváth. – Rowohlt.


von Horváth, Ödön (1937, 2009): Jugend ohne Gott. – Reclams Universal-Bibliothek.


7 Kommentare

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VT
vor 5 Tagen

Vielen Dank für diesen sehr schön geschrieben Beitrag!

Seit ich die ersten Zeilen von Jugend Ohne Gott gelesen habe, bin ich in Horváth gewissermaßen verliebt.

Ich habe eine Frage zu Horváths Gedicht, das man nach seinem Tod auf einer Zigarettenschachtel fand. Sie schreiben darunter, es stamme aus dem Theaterstück "Zur Schönen Aussicht", ich konnte es dort aber nicht finden. Ist es wirklich von diesem Stück, und wenn ja, warum sollte er es sich 12 Jahre später auf eine Zigarettenschachtel schreiben?


vk

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Klaus Lintemeier
Klaus Lintemeier
vor einem Tag
Antwort an

Vielen Dank für Ihren Kommentar und für Ihre genaue Lektüre. Ihre Begeisterung für «Jugend ohne Gott» teile ich. Sie haben recht. Im Text der Komödie «Zur schönen Aussicht» von 1926 fehlen diese Verse. Die Zuordnung in meinem Beitrag ist ein Fehler, ich werde die Textstellen korrigieren. Das Gedicht von Ödön von Horváth ist ein eigenständiger Text aus dem Jahr 1938. Die historisch-kritische Wiener Ausgabe führt es in Band 17 als sein letztes überliefertes Gedicht. Man fand es nach seinem tödlichen Unfall am 1. Juni 1938 auf den Champs-Élysées in den Taschen seines Mantels, vermutlich notiert auf einer leeren Zigarettenschachtel. Erhalten ist es als Typoskript im Nachlass, wahrscheinlich in einer Abschrift seiner Freundin Hertha Pauli. Auch die Gedenktafel am «Théâtre Marigny»…

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Theophil
28. Aug.
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Danke für den interessanten, aufschlussreichen und bewegenden Beitrag! Was für eine Tragödie!


Th.

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Gast
04. Sept.
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Ich stimme dazu

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Gast
11. Feb. 2025
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Sehr schön! Und es gibt ja viele deutschsprachige Dichter, die es mach Paris gezogen hat. Wie wär`s mal mit Rilke. Ausgangspunkt z.B. Das Hôtel Biron, 77 rue de Varenne (Paris 7. arrondissement). Dort war eine Art Künstler- Haus entstanden. Matisse, Isadora Duncan, Rilke und Jean Cocteau hatten dort Zimmergemietet. Rilke lockte Rodin an, der sich dort ein Atelier einrichtete. Und das ist heute das Rodin-Museum, das ihr sicher kennt.

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Klaus Lintemeier
Klaus Lintemeier
30. Aug.
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Vielen Dank, das Hôtel Biron ist ein wunderbarer Ausgangspunkt. Rilke kannte Rodin gut, er war 1905 und 1906 sein Sekretär. Dort eingezogen ist er 1908, nachdem seine Frau Clara Westhoff das Haus entdeckt hatte, und beide schwärmten Rodin so lange davon vor, bis der selbst vier Räume im Erdgeschoss mietete. Ab 1911 hatte er das ganze Haus für sich, seit 1919 ist es das Musée Rodin.

Bei uns entsteht gerade der erste literarische Spaziergang, Hemingway in Paris, gut vier Stunden entlang seiner Wohnungen in der Rue du Cardinal Lemoine 74, der Rue Notre-Dame-des-Champs 113 und der Rue Férou 6 sowie seiner Schreiborte, des Cafés an der Place Saint-Michel und der Closerie des Lilas. Das braucht noch etwas Zeit.

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