top of page

Sémélé: Wo der Wein die Menschen zusammenbringt

  • Autorenbild: Ruth Lintemeier
    Ruth Lintemeier
  • 15. Feb.
  • 4 Min. Lesezeit

Das Sémélé in der Rue Sedaine, im 11. Arrondissement, ist ein kleines, aber sehr besonderes Weingeschäft, das wir im heißen Sommer 2024 entdecken. Die olympischen Spiele sind zu Gast in der Stadt, und auch hier wird dem Ereignis Bewunderung gezollt: Eine an die Fenster gemalte Girlande aus Weinflaschen, geziert mit bunten Flaggen aus aller Welt, lädt zum Feiern ein: «Un repas sans vin est une journée sans soleil!»


Sémélé – Cave à Vin in der Rue Sedaine feiert den Wein und den guten Geschmack.
Sémélé – Cave à Vin in der Rue Sedaine feiert den Wein und den guten Geschmack.

Wer durch die Fensterscheiben späht, erkennt sofort die Handschrift eines Kenners. Die glänzenden Flaschen stehen klar gegliedert nach Sorten und Anbaugebieten. Darunter verbergen sich hinter weißen Holzfronten verschiedene Kühlfächer. Sie geben den Fingerzeig: Hier wird nicht nur verkauft, hier wird vor allem genossen. Man kann fast jede Flasche vor Ort öffnen und direkt trinken. Wir ahnen sofort: Das wird ein interessanter Besuch.


Wir sitzen draußen auf dem Gehsteig, auf diesen typisch französischen Bistrostühlen aus Holz und Metall, und bestellen einen kühlen Sancerre von der Domaine du Pré Sémélé 2021. Daher also der Name! Das Weingut liegt in Maimbray, in der Gemeinde Sury-en-Vaux, fünf Kilometer nördlich von Sancerre. Seit vier Generationen werden dort die Weinberge weitergegeben. Und ich denke bei dem Namen unwillkürlich auch an die thebanische Königstochter Semele, die aus einem Liebesabenteuer mit Zeus Dionysos zur Welt bringt, den Gott des Weines.


Wir bestellen Olives Tanche, eine Burrata di Buffala Nanina und eine Terrine de Canard aux Pistaches. Wir erwarten nichts Großes, wollen nur etwas Einfaches zum Wein zu uns nehmen. Weit gefehlt.



Was uns Mathieu serviert – zurückhaltend, aber mit dem sicheren Gespür eines Gastgebers –, ist zauberhaft. In allem Frische und Umami, wir schmelzen dahin. Die Tomaten: Woher kommen diese Farben, dieser Geschmack? Nie haben wir bessere Tomaten in unserem Leben gegessen. Die Burrata – sind wir bei Nonna in Italien?


Die Terrine – schmecken wir da neben den nussigen Pistazien einen Hauch frischer Äpfel und Calvados? Mathieu, in einfacher Jeans und traditionell gestreiftem Shirt aus der Bretagne, hantiert drinnen im Laden, beobachtet uns über seine Brille aus den Augenwinkeln. Nach geraumer Zeit kommt er beiläufig mit einer weiteren Empfehlung vorbei. Diesmal nehmen wir einen Champagner. Aus einer kurzen Pause wird eine unvergessliche Erinnerung.


Später erzählt Mathieu voller Stolz, dass die Tomaten aus dem eigenen Garten stammen. Man schmeckt die Sonne. Und nicht nur die Tomaten – auch alles andere auf dem Teller gibt den leisen Fingerzeig: Hier geht es um bewussten Genuss, um Respekt vor dem Produkt. Wir erfahren, dass Sémélé Partner von éthi'Kdo (https://www.ethikdo.co) ist, einer gemeinnützigen Genossenschaft, die einen Konsum fördert, der Mensch und Umwelt achtet.


Die sonnengereiften Tomaten schmecken himmlisch
Die sonnengereiften Tomaten schmecken himmlisch

Einige Tage später zieht es uns nochmals in die Rue Sedaine. Es ist brütend heiß, die Straßen sind leergefegt. Als wir uns auf die Stühle setzen, wissen wir, dass das Wetter nicht halten wird. In der Luft hängt bereits ein Gewitter, die Wolken werden rabenschwarz.


Wir bestellen ohne langes Suchen von der Karte und trinken einen herrlich kühlenden Chardonnay. An den Tischen neben uns füllt es sich: ein älteres Paar, elegant und über eine Ausstellung philosophierend. Zwei olympiabegeisterte Touristen, ganz offensichtlich Schotten. Ein älterer Herr, Naturbursche, vielleicht aus der Normandie.


Dann kommt der Regen. Zum Glück so langsam, dass alle ihre Gläser, Schüsseln und Teller nehmen und im Inneren des Ladens Schutz suchen können. Dort steht ein langer Holztisch mit Stühlen und Bänken. Zunächst Stille. Jeder richtet sich ein, genießt sein Essen. Man hält Abstand, schaut, dass jeder Platz hat. Mathieu sagt nicht viel. Er bringt Speisen, stellt sie vor die verschiedenen Gäste, lächelt leise, zieht sich zurück. Augenpaare beginnen zu wandern: Was ist das? Das sieht lecker aus! Darf man probieren? Vielleicht teilen wir einfach? Klar, hier, nehmt das Brot dazu, es ist knusprig und noch warm. Hier, unser Käse! Er passt gut zum Coteaux du Layon. Noch einen Schluck Wein? Probiert den Pouilly Fumé. Hervorragend! Lasst uns auf Olympia anstoßen! Vive la France! Wart ihr schon in der Ausstellung «Le monde comme il va» in der Bourse de Commerce? Oder in der Brancusi-Retrospektive im Centre Pompidou? Hervorragend kuratiert.


Aus Fremden werden Tischgenossen. Aus Höflichkeit wird Neugier, aus Neugier Großzügigkeit. Das Brot wandert – und auch die Burrata –, die Weingläser kreisen, die Stimmen werden munterer. Mathieu bringt eine neue Flasche, öffnet sie mit jener beiläufigen Eleganz, die nur jemand hat, der weiß, dass der richtige Wein zum richtigen Moment alles verändern kann.


Mathieu bei der sorgfältigen Auswahl eines Champagners
Mathieu bei der sorgfältigen Auswahl eines Champagners

Ich habe in meiner Kindheit in einer Großfamilie gelernt: Wenn es etwas gibt, das Menschen zusammenführt, ist es ein Tisch. Ein Tisch, von dem sie nicht weichen können. An dem sie sich mit ihren Nachbarn arrangieren müssen. An dem sie sich benehmen müssen. An dem sie selbstverständlich teilen. An dem ein Gespräch unausweichlich wird.


Und wenn dann ein guter Wein dazukommt – oder ein Champagner –, der einer Runde fremder Menschen eine Leichtigkeit schenkt, dann entsteht ein magischer Moment. Wir feiern das Leben, den guten Geschmack, das Zusammensein: «À bon vin, point d'enseigne».


Wer Sémélé treu bleiben möchte, kann den Newsletter bestellen:


Sémélé

75 Rue Sedaine

75011 Paris


Inspirationen:






Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page