Die kleinsten Fotostudios von Paris: «Photomaton» und «Fotoautomat»

Seit Ende 1928 stehen in Paris Fotokabinen, zuerst in Passagen und Bahnhöfen, heute auch in Museen und Kaufhäusern. Zwei Namen bestimmen dieses Stück Stadtkultur. Die Marke «Photomaton» steht für die digitalen Geräte, die Marke «Fotoautomat» für die restaurierten analogen Maschinen aus den sechziger und siebziger Jahren. Die bekannteste Geschichte dazu erzählt «Die fabelhafte Welt der Amélie». Nino Quincampoix sammelt darin die zurückgelassenen Streifen unter den Kabinen ein, setzt die zerrissenen Bilder mit Klebefilm wieder zusammen und klebt sie in ein Album. Er verliert das Album auf der Straße. Amélie findet es und schickt ihn auf eine Schnitzeljagd. Am Ende bekommt er es zurück.
Ninos Unbekannter ist für alle anderen unsichtbar
In dem Album taucht ein Gesicht immer wieder auf, in Kabinen überall in der Stadt. Nino sucht diesen Mann durch ganz Paris und hält ihn für ein Rätsel. Die Lösung liegt nah und bleibt trotzdem lange verborgen. Im Stadtbild nimmt kaum jemand den Mann wahr. Er wartet die Geräte und macht nach jeder Reparatur ein Testbild von sich selbst. Danach zerreißt er es. Amélie löst das Rätsel als Erste und führt auch Nino zur Lösung.

Die Idee zu dem Album stammt von dem Schriftsteller Michel Folco
Laut dem Kommentar von Jean-Pierre Jeunet zur DVD führt Folco selbst ein solches Album. In den achtziger Jahren sammelt er die Streifen vor Pariser Kabinen ein und findet dort immer denselben jungen Mann. Er folgt ihm durch die Metro und hat am Ende den Reparateur der Firma vor sich. Jean Teulé macht daraus 1989 einen Fernsehbeitrag mit dem Titel «Le mystère de l'inconnu du photomaton».
Amélie wird in der Fotokabine zu Zorro
Sie schreibt ihm keinen Brief. Sie setzt sich in eine Kabine, legt eine Maske an wie Zorro und hinterlässt ihm den Streifen. Damit zeigt sie sich und bleibt zugleich verborgen. Den offenen Auftritt scheut sie noch.

Die Kabine wird 1925 in New York erfunden und steht seit 1928 in Paris
Der Fotograf Anatol Josepho stammt aus Sibirien. Im September 1925 eröffnet er am Broadway in New York das erste Studio mit seiner Erfindung. Für fünfundzwanzig Cent liefert die Maschine acht Bilder in acht Minuten. Das Magazin «Time» berichtet 1927 von 280.000 Kunden in den ersten sechs Monaten. Im selben Jahr verkauft Josepho die Rechte für eine Million Dollar. Im Dezember 1928 steht die erste Kabine von Paris in der Halle der Zeitung «L’Intransigeant». 1929 folgen die Zeitung «Le Petit Journal», die «Galeries Lafayette», das Restaurant «Sam’s» am «Boulevard des Italiens» und der Vergnügungspark «Luna Park» an der «Porte Maillot». Hundert Jahre nach der Erfindung zeigt die Londoner «Photographers’ Gallery» von Oktober 2025 bis Februar 2026 eine Ausstellung zur Geschichte der Kabine.
Die Surrealisten schließen vor dem Automaten die Augen
André Breton und seine Freunde gehen 1929 vermutlich in die Kabine im «Luna Park». Die Gruppe hat mit Man Ray einen eigenen Fotografen und setzt sich trotzdem allein vor die Linse. Am 15. Dezember 1929 druckt die Zeitschrift «La Révolution surréaliste» sechzehn dieser Porträts rund um das Gemälde «Je ne vois pas la femme cachée dans la forêt» von René Magritte. Alle sechzehn halten die Augen geschlossen. Unter ihnen sind Breton, Louis Aragon, Luis Buñuel, Salvador Dalí, Paul Éluard, Max Ernst und Magritte selbst.
Die Website andrebreton.fr zeigt zehn Photomaton-Abzüge der Surrealisten aus Bretons Sammlung. Auf den Bildern wechselt die Kleidung mit den Jahreszeiten, die Gruppe kommt also immer wieder. Magritte, Dalí und Buñuel setzen sich nur ein einziges Mal in die Kabine. Aragon, Yves Tanguy und Raymond Queneau kommen zweimal, mal mit Hut und mal ohne. Breton, Éluard, Ernst und Jacques Prévert kommen mindestens dreimal. Suzanne Muzard zeigt sich in acht verschiedenen Outfits, mal im Kleid, mal in der Jacke und mal mit Hut.
Die belgische Zeitschrift «Variétés» nennt den Photomaton schon 1928 ein System der Psychoanalyse durch das Bild. Walter Benjamin schreibt 1931 in seiner «Kleinen Geschichte der Photographie» einen verwandten Gedanken auf. Von dem Optisch-Unbewussten erfährt der Mensch erst durch die Kamera, so wie von dem Triebhaft-Unbewussten durch die Psychoanalyse.
Vor dem Automaten führt jeder selbst Regie
Die Begeisterung hat einen einfachen Grund. Nadar führt ab 1860 sein Atelier am «Boulevard des Capucines». Für ihn besteht die Kunst des Porträts im Verstehen und Lenken des Menschen vor der Kamera. Sein Ziel nennt er die «ressemblance intime». In der Kabine fällt diese Rolle weg. Der Mensch vor der Linse ist frei. Niemand gibt Anweisungen für den Blick und das Kinn. Man probiert vier Blitze lang selbst aus. Das Ergebnis zeigt erst der fertige Streifen. Der Raum ist eng, der Hocker dreht sich, und der Vorhang bleibt zu. Das ist ein unbefangenes und lustiges Atelier im kleinsten Format und zugleich eine Aufgabe. Ein originelles Bild auf engstem Raum verlangt Einfälle. Die Londoner Ausstellung bringt es 2025 auf eine kurze Formel. Man zieht den Vorhang zu, schaut in die Linse und entscheidet selbst über den eigenen Auftritt.
Bei «Fotoautomat» gibt es jedes Bild nur ein einziges Mal
Der Unterschied zwischen den beiden Namen liegt in der Technik. «Photomaton» gehört heute zum Konzern «ME Group», dem früheren «Photo-Me International». Der Konzern stellt 1993 die Produktion analoger Kabinen ein und steigt auf digitale Geräte um. «Fotoautomat» geht den umgekehrten Weg. Eddy Bourgeois stellt im September 2007 die erste restaurierte Maschine im «Palais de Tokyo» auf, seit 2016 sitzt die Firma in der «Rue des Trois Frères» in Montmartre. Die Kabinen stammen aus den sechziger Jahren. Die Maschine blitzt viermal, dann wandert das Papier vier Minuten lang durch die Bäder in der Dunkelkammer hinter der Wand. Das Bild entsteht direkt auf Silbergelatinepapier, ohne Negativ. Es gibt keine Datei, keinen zweiten Abzug und keine Korrektur. Jeder Streifen ist ein Original. Nach Angaben des Betreibers laufen weltweit weniger als zweihundert solcher Maschinen.
Der Reiz ist derselbe wie bei der Schallplatte. Man wartet, und dann hält man ein Unikat in der Hand. Das Lausanner «Musée de l’Elysée» nennt den Photomaton 2012 die letzte Stufe des Automatismus in der Fotografie. Walter Benjamin veröffentlicht 1936 den Aufsatz «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit». Eine fotografische Platte erlaubt nach seinen Worten beliebig viele Abzüge. Die Frage nach dem echten Abzug hat darum keinen Sinn. In der analogen Kabine hat die Frage wieder einen Sinn. Es gibt genau einen Abzug. Dazu kommt die Optik. Das Blitzlicht kommt von vorn, das Papier zeichnet hart, das Weiß ist hell, das Schwarz ist tief, und das Korn bleibt sichtbar. So sehen die Streifen der Surrealisten von 1929 aus, und so sehen unsere aus. Deshalb gefallen uns die analogen Fotos aus dem «Fotoautomat» besser als die digitalen aus dem «Photomaton».

Für uns suchen wir neuartige Fotos
Wir gründen unsere Firma in dieser Zeit gemeinsam. Unsere Bilder sollen anders aussehen als übliche Unternehmensporträts. Die Kabine übernimmt die Rolle des Fotografen, die Regie bringen wir selbst mit. Die Wörter auf unseren schwarzen Karten gehen auf unseren Namen zurück. Wir halten RESTART und RENEW vor uns ins Bild. Aus einem Einfall wird eine Serie, und der Spaß daran wächst mit jedem Besuch.

Im «Photomaton» und bei «Aura Film» finden wir keine Ruhe
Der «Photomaton» begegnet uns in Bahnhöfen und Passagen und liefert saubere digitale Bilder in wenigen Sekunden. «Aura Film» in der «Rue Sainte-Anne» kommt aus Südkorea. Gruppen machen dort schnelle Bilder für ihre Kanäle. Wir kommen dort mit dem Aufbau wenig zurecht und bleiben bei einem Durchgang. Auch im «Photomaton» der Metrostation «Voltaire» fehlt uns die Ruhe.


Im «Printemps» drängt uns niemand
Im dritten Stock des «Printemps Femme» am «Boulevard Haussmann» steht eine Kabine von «Fotoautomat», und dort haben wir Zeit. Der Hocker ist für eine Person gebaut. Wir setzen uns zu zweit darauf, halten uns am Rahmen fest und versuchen, bis zum letzten Blitz oben zu bleiben. Dann kommt doch noch ein Paar und wartet geduldig. Die beiden wollen in der Kabine die Fotos für die Einladung zu ihrer Hochzeit machen. Das ist eine tolle Idee. Wir kommen an mehreren Tagen wieder, jedes Mal mit neuen Karten und neuen Einfällen.

Nino sammelt fremde Gesichter, wir sammeln unsere eigenen
Amélie legt eine Maske an, um sich zu zeigen. Wir halten eine Karte hoch und machen dasselbe. Am Ende liegt vor uns ein Stapel Abzüge. Auf den besten rutschen wir fast vom Hocker.

Nachgefragt
Wo steht der Fotoautomat im «Printemps»?
Die Kabine steht im dritten Stock des «Printemps Femme» am Boulevard Haussmann Nummer 64 im neunten Arrondissement. «Printemps Femme» ist das Haus für Damenmode. Über dem Eingang hängt das Schild mit dem Schriftzug FOTOAUTOMAT.
Woher stammt die Idee zu dem Fotoalbum in «Die fabelhafte Welt der Amélie»?
Jean-Pierre Jeunet nennt im DVD-Kommentar den Schriftsteller Michel Folco. Folco führt selbst ein Album mit weggeworfenen Automatenfotos.
Wer ist der Unbekannte im Photomaton?
Im Film wie in der Wirklichkeit ist es der Techniker der Kabinen. Er macht nach jeder Reparatur ein Testbild.
Was unterscheidet «Photomaton» und «Fotoautomat»?
«Photomaton» ist die Marke des Marktführers «ME Group», die Kabinen arbeiten seit den neunziger Jahren digital. «Fotoautomat» restauriert seit 2007 analoge Maschinen aus den sechziger Jahren. Sie entwickeln vier Schwarzweißbilder chemisch auf Silbergelatinepapier, ohne Negativ.
Seit wann gibt es Fotokabinen?
Anatol Josepho eröffnet im September 1925 am Broadway in New York das erste Studio mit seiner Erfindung. Im Dezember 1928 steht die erste Kabine von Paris in der Halle der Zeitung «L’Intransigeant».



Super Idee um darueber zu schreiben ! Als "Ado" habe ich es so oft gebraucht mit Freundinen oder Freunden ! Das macht lustige Erinnerungen....